Berlinale Eröffnungstag 2017

Der Schneematsch gehört zur Berlinale wie der rote Teppich und der rote Schal des Festivaldirektors Dieter Kosslick. 2017 hält Berlin stattdessen ein eisiger sibirischer Ostwind im Dauerfrost-Wettbewerb.

Was hat sich sonst noch geändert? Sind die Filme besser als 2016, als viel Mittelmaß im Wettbewerb geboten wurde und zu wenige Glanzlichter zu erleben waren?

Donnerstag, 9. Februar 2017

Im Fokus der internationalen Presse standen die Eröffnungsgala mit vielen Stars und Sternchen und das Biopic „Django“, über das auf den Fluren der Berlinale recht Negatives zu vernehmen war. Ich habe mich für zwei Filme in den Nebenreihen entschieden, die den Wettbewerb um den Goldenen Bären flankieren.

Beide Filme sind keine Weltpremieren, sondern liefen bereits im Januar beim Sundance Festival.

Im Forum des internationalen jungen Films wurde der Presse der Debütfilm „Dayveon“ von Amman Abbasi präsentiert. Der 28jährige Sohn pakistanischer Einwanderer, der in Bill Clintons Heimat Little Rock/Arkansas aufgewachsen ist, entschied sich für ein Thema, das wir aus vielen Independent-Filmen kennen: die Hauptfigur Dayveon (Devin Blackmon) Gerät auf die schiefe Bahn und schließt sich der brutalen Gang „Bloods“ an.

Leider fehlen Abbasi bei seinem Debüt die filmischen Mittel, daraus einen sehenswerten Film zu machen. Die Coming of Age-Geschichte des 13jährigen schwarzen Jungen plätschert recht belanglos dahin. Der leitmotivisch immer wiederkehrende Bienenschwarm trägt nichts zur Handlung bei und wirkt unfreiwillig komisch wie aus dem Klischee-Handbuch für ambitioniertes Kunstkino, ist aber immerhin schön gefilmt.

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Bild: © Berlinale

Besser war die Eröffnung des Panorama-Programms: Der Spielfilm „The Wound“ von John Trengove beginnt mit fast dokumentarisch präzisen Schilderungen des Beschneidungs-Initiationsrituals der Xhosa in den Bergen Südafrikas. Der junge Kwanda (Niza Jay Ncoyini) wird von seinem Vater aus Johannesburg in die Obhut der „caretakers“ gegeben, die den Jugendlichen bei dieser Männlichkeits-Prüfung beistehen sollen. Er findet sich in einer patriarchal geprägten Welt mit rauen Sitten, sexistischen und zotigen Sprüchen und sehr starren Rollenbildern wieder. Im Mittelteil droht der Film etwas zu melodramatisch zu werden, als die heimliche Affäre von zwei Betreuern (Nakhane Touré: als Xolani und Bongile Mantsai als Vitcha) als zweiter zentraler Handlungsstrang hinzukommt. Das starke Ende versöhnt jedoch mit diesem Film, der im Rahmen des „Berlinale Talents“-Campus 2014 entwickelt und von der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ betreut wurde.

Als Porträt eines Selbstfindungsprozesses in einer archaischen Bergwelt ist der Film zwar kein Publikumsmagnet, passt aber gut ins Programmschema des öffentlich-rechtlichen Nachtprogramms. Der Film wird am 19. April 2017 in die französischen und voraussichtlich ab Juli 2017 in die südafrikanischen Kinos kommen.

Vorschaubild: © Urucu Media

Hier geht es weiter mit Tag 2 der Berlinale 2017

 

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