Dickicht

Bertolt Brechts Frühwerk „Im Dickicht der Städte“ ist ein Phänomen: die in Chicago angesiedelte Handlung schleppt sich recht wirr dahin. Wie einen Boxkampf wollte der junge Brecht das Aufeinandertreffen des Holzhändlers Shlink und des Buchhändlers George Garga inszenieren. Heraus kam eine krude Kolportage, die noch weit von der Reife seiner späteren, zu modernen Klassikern gewordenen Werken entfernt ist.

Wer nach rational, nachvollziehbaren Motiven sucht, muss bei diesem Stück über weite Strecken im Dunkeln tappen. Auch Brecht war sich dessen bewusst, als er im Vorwort zur zweiten, 1927 entstandenen Fassung, an der sich dieser Abend am Gorki Theater orientiert, riet: „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive dieses Kampfes…“

Dennoch taucht „Im Dickicht der Städte“ alle paar Jahre wieder auf den Spielplänen auf: 2003 inszenierte es Grzegorz Jarzyna mit Hans-Michael Rehberg und Robert Beyer an der Schaubühne. 2005 tobten sich Milan Peschel und Herbert Fritsch unter der Regie von Frank Castorf an der Volksbühne aus. 2010 kramte Katharina Thalbach das Stück für ihr Regie-Debüt am Berliner Ensemble heraus und besetztre die beiden Hauptrollen mit Gustav Peter Wöhler und Sabin Tambrea.

Sieben Jahre später macht sich nun Sebastian Baumgarten an eine Neuinszenierung, die er schlicht „Dickicht“ (nach Brecht) nennt. Wie kaum ein anderer Regisseur ist er sowohl im Sprechtheater wie in der Oper zuhause, allerdings für seine anstrengenden, oft sperrigen Inszenierungen bekannt.

In Berlin inszenierte er im vergangenen Jahrzehnt so unterschiedliche Stoffe an so unterschiedlichen Häusern wie „Tosca“ an der Volksbühne, „Im weißen Rössl“ an der Komischen Oper, „Dantons Tod“ am Gorki Theater noch während der Petras-Ära und Heiner Müllers „Zement“ schon unter der Intendanz von Shermin Langhoff.

Der Anfang ist durchaus vielversprechend: die ganz in schwarz gehüllten Schauspielerinnen und Schauspieler krabbeln langsam aus dem Bühnenboden, kämpfen sich durch Nebelschwaden, die Baumgartens Namensvetter Sebastian Hartmann erblassen lassen, und rezitieren Brecht-Texte. Allerdings nicht aus dem „Dickicht der Städte“, sondern aus dem „Lesebuch für Städtebewohner“.

Es könnte ein großes Schauspielerfest werden. Auf der Bühne sind einige der besten Spieler versammelt, die das Gorki-Ensemble zu bieten hat: Lea Draeger, Aleksandar Radenković, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka und Till Wonka. Hinzu kommen Mateja Meded, die schon aus Yael Ronens „Common Ground“ bekannt ist, und Norbert Stöss, eine der tragenden Säulen aus Claus Peymanns Berliner Ensemble.

Leider werden diese Schauspielerinnen und Schauspieler in ein verkopftes Regie-Korsett hineingespresst: Im Hintergrund ein Stummfilm-Video mit stark überzeichneten Grimassen im Stil des Expressionsmus abgespult wird, vorne stehen die schwarzen Schatten der Schauspieler und sprechen den Text ein. Ob die Lippenbewegungen halbwegs synchron sind, ist an diesem Abend einerlei.

Das Publikum quält sich durch zähe zwei Stunden, die gefühlt viel länger dauern, wird wieder vom Eckkneipen-Qualm zugestunken, der in den Gorki-Inszenierungen zur traurigen Gewohnheit zu werden droht, und bekommt ganz am Ende immerhin noch einen interessanten Interpretationsansatz geboten. Baumgarten konzentriert sich auf rassistische Motive in dem Stück und überblendet den  Lynch-Mob, der gegen den Malaien Shrink wütet, mit SPIEGEL-TV-Aufnahmen der Ausschreitungen im August 1992 vor dem vietnamesischen Wohnheim in Rostock-Lichtenhagen.

„Dickicht“ hatte am 11. März 2017 Premiere. Weitere Informationen und Termine

Bild: Esra Rotthoff

 

 

 

 

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