Winterreise

„Fatima Merkel?“ Heißt die deutsche Kanzlerin nicht Angela? Die beiden Flüchtlinge, die zum Exil Ensemble des Berliner Gorki Theaters gehören, blicken verwundert auf die Plakate vor ihrem Dresdner Hotel-Fenster.

Eine typische Yael Ronen-Szene: die israelische Hausregisseurin des postmigrantischen Theaters versteht es, Pointen und Funken aus dem Zusammenprall verschiedener Welten zu schlagen. Zusammen mit Niels Bormann, der seit „Dritte Generation“ bei fast jeder ihrer Stückentwicklungen mit an Bord ist, schickt sie die Schauspielerinnen und Schauspieler, die nach ihrer Flucht aus den Kriegsgebieten am Gorki eine Zuflucht gefunden haben, auf eine Bustour durch den deutschen Winter.

Die erste Station ist ausgerechnet Dresden an einem gewöhnlichen Montag mitten im grauen Winter. Das ist bekanntlich der traditionelle Aufmarsch-Tag der Pegida-Anhänger mit ihren „Merkel muss weg“-Sprechchören und „Kanzlerin mit Kopftuch“-Fotomontagen. Natürlich gibt es wieder viel zum Schmunzeln, wenn die irritierten Nachfragen der syrischen Refugees den Reiseleiter Niels Bormann ins Schwitzen bringen. Besonders witzig ist der Auftritt des Busfahrers (nachgespielt von Niels Bormann), der seine Gäste mit einem strikten Reglement einschüchtert, bis sie kaum mehr wagen, zu atmen.

Ebenso typisch für Yael Ronens Inszenierungen ist, dass der launige Ton schnell in ernste Momente umschlägt. Ausführlich berichten die Protagonisten über ihre Fluchterlebnisse: wie sie sich an die türkische Grenze, dann auf klapprigen Booten übers Mittelmeer und die Balkanroute durschschlugen, wie sie mit den Schleppern um Pässe feilschten und wie oft sie an die in Trümmern liegende Heimat denken.

„Winterreise“ wirkt vor allem in der zweiten Stunde noch etwas unfertig: mehr wie eine Stoffsammlung, die noch einige Striche und Feinschliff vertragen könnte. Aber das Grundkonzept, den (wie von Ronen gewohnt oft bewusst-naiv überzeichneten) Außenblick der Neuankömmlinge auf unsere Gesellschaft mit ihren Fluchterfahrungen zu bündeln, ist stark genug, über diese Schwächen hinwegsehen zu lassen.

Auch wenn „Winterreise“ nicht Yael Ronens bester Abend ist, die mit „Common Ground“ und „The Situation“ immerhin schon 2 x in Folge zum Theatertreffen eingeladen war, ist dies eine der sehenswerteren Inszenierungen in der aktuellen Gorki-Spielzeit, die schwächer ausfällt als wir es aus den vergangenen Jahren gewohnt sind.

„Winterreise“ ist eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich und wurde am 8. April 2017 am Gorki Theater uraufgeführt. Weitere Informationen und Termine

Bild: Esra Rotthoff

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