Glückliche Tage

„Was auffalle, sei die Seltsamkeit. Hier sei alles seltsam“, heißt es im Probenprotokoll von Becketts Inszenierung im Schiller-Theater im Sommer 1971.

Von seiner Seltsamkeit hat Becketts Text nichts verloren, kann man nach der Premiere von Christian Schwochows Regie-Arbeit am Deutschen Theater Berlin konstatieren.

Im Zentrum des Abends sitzt Winnie: anders als bei Beckett ist sie nicht in einen Erdhügel eingegraben, sondern sitzt auf einem schmucklosen Stuhl. Im zweiten Akt ist sie bis zum Hals in eine Decke eingehüllt.

Glückliche Tage

90 Minuten lang brabbelt Winnie vor sich hin. Vergeblich versucht sie, Kontakt mit ihrem Mann Willie aufzunehmen, der sich zunächst wortkarg hinter seiner Zeitung verschanzt und später nur noch auf allen Vieren kriechen kann. Ihr bleibt nicht mehr, als sich in Erinnerungen zu flüchten, ihre geliebten Klassiker von Shakespeare bis Aristoteles zu zitieren und sich immer wieder einzureden: „Dies ist ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein.“

Regisseur Christian Schwochow, der in den vergangenen Jahren vor allem mit Kinofilmen wie „Westen“ (Kritik) und TV-Produktionen wie „Bornholmer Straße“ und „Der Turm“ auffiel, inszeniert erst zum zweiten Mal am Theater. Sein Debüt gab er 2013 mit „Gift“ (Kritik) ebenfalls am Deutschen Theater, auch damals spielte Dagmar Manzel die weibliche Hauptrolle.

Im Interview mit Deutschlandradio Kultur sagte der Regisseur, dass Becketts Drama aus dem Jahr 1960 für ihn vor allem ein Stück über „Zweckoptimismus“ sei: „Sie steigt in Erinnerungen ab, sie ruft bestimmte Situationen oder Zitate ab, und, ja, tröstet sich damit, obwohl sie alles andere als glücklich ist. Also es ist eine Art Zweckoptimismus, um überhaupt mit ihrer Lage zurechtzukommen.“

Für den Zuschauer ist dieser tragikomisch-absurde Beckett-Monolog ziemlich quälend. Erträglich wird er nur, weil ihn mit Dagmar Manzel ein Publikumsliebling und eine Ausnahmeschauspielerin spielt. Von 1983 bis 2001 war sie festes Ensemble-Mitglied des Hauses und machte sich in den vergangenen Jahren als Gast recht rar. Häufiger war sie in Operetten und Musicals bei Barrie Kosky einige hundert Meter weiter an der Komischen Oper zu sehen und natürlich seit 2015 an der Seite von Fabian Hinrichs im „Tatort“ aus Franken.

Sie wieder einmal im Deutschen Theater Berlin sehen zu dürfen, ist ein Glück des Tages. Mit Würde spielt sie die Winnie, die ihrem Ende entgegendämmert und vergeblich versucht, sich am nächsten Strohhalm festzuklammern. Das Glück wäre aber noch viel größer gewesen, wenn sie sich für ihr Comeback einen anderen Text ausgesucht hätte. Seltsam.

„Glückliche Tage“ hatte am 22. April 2017 am Deutschen Theater Berlin Premiere. Weitere Informationen und Termine

Bilder: Arno Declair

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