Ein schwaches Herz

Eigentlich sollte mit dem „Faust“ Schluss sein. Dieser siebenstündige Gewaltakt, der Goethes Klassiker mit dem Kolonialismus in Beziehung setzt, war als Frank Castorfs letzte Inszenierung an der Volksbühne angekündigt.

Er hätte sich zurücklehnen und die Lorbeerkränze, die ihm zum Abschied geflochten werden, genießen können. Im seit zwei Jahren erbittert geführten Meinungskampf um die Zukunft des Hauses schlug das Pendel in den vergangenen Wochen merklich zu seinen Gunsten aus: Das Team seines Nachfolgers Chris Dercon musste nach der Programm-PK viel Kritik einstecken, da ein Ensemble nicht mal in Umrissen zu erkennen ist und der Spielplan der ersten Monate zu viele Lücken und Schließtage aufweist.

Aber Frank Castorf stürzte sich sofort wieder in die Arbeit. Nur einen Monat, bevor der letzte Vorhang fällt, brachte er noch ein Satyrspiel auf die Bühne, das nur fünf Vorstellungen erleben wird. Die pausenlosen vier Stunden wären im Spielplan jedes anderen Berliner Hauses ein schwerer Brocken, an der Volksbühne schlenzt ihn Castorf als kleinen Abschiedsgruß für seine treue Fangemeinde heraus.

Sein letzter Abend „Ein schwaches Herz“ ist nach einer wenig bekannten Erzählung von Castorfs Lieblingsschriftsteller Dostojewski benannt. Die Motive werden – wie üblich sehr frei assoziierend – mit anderen Stoffen kombiniert, bis auch die konzentriertesten Zuschauer den Überblick verlieren, durch welche Handlungsebene die Spielerinnen und Spieler gerade toben.

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Diesmal entschied sich Castorf für folgende weitere Zutaten: die Dostojewski-Satire „Bobok“ und Film-Szenen aus Nikolai Gaidais „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“ . Die Bilder der 1973 gedrehten Komödie, die auf einer Vorlage von Michail Bulgakow aus der Stalin-Zeit basiert, Iwan den Schrecklichen auf eine aberwitzige Zeitreise schickt und laut Volksbühnen-Dramaturg Sebastian Kaiser in den Sowjet-Nachfolgstaaten bis heute Kultstatus genießt, passen kongenial zu Castorfs Regie-Stil: hysterisches Gewusel auf der Leinwand und live auf der Bühne, ähnlich fordernde Zeit- und Handlungssprünge, dieselbe Verausgabung des Ensembles. Das geht an die Grenzen und Kraftreserven und fordert seinen Tribut: Für Hendrik Arnst musste nur wenige Tage vor der Premiere Daniel Zillmann einspringen, dem fast auf Schritt und Tritt die Souffleuse Elisabeth Zumpe folgt und die nächste Zeile seiner umfangreichen Sprechrolle ins Ohr flüstert.

Leider fehlt diesem Abend, was eine gelungene Castorf-Inszenierung ausmacht: die Kabinettstücken und Highlights, die unvermittelt aus dem assoziativen Mäandern auftauchen. Diese funkelnden Glücksmomente machen selbst in den sehenswertesten und gefeiertesten Castorf-Regiearbeiten höchstens 1/3 der Spielzeit auf, trösten aber über Längen, Stagnation und quälende Leere hinweg, die an keinem Castorf-Abend fehlen.

Diesmal sind die Glücksmomente trotz langjähriger Castorf-Weggefährten wie Kathrin Angerer und Georg Friedrich auf ein Minimum reduziert. Selbst Nachtkritiker Christian Rakow, dessen Abschiedsschmerz aus jeder Zeile seiner Rezension spricht, musste zugeben: „Die Inszenierung war fahrig, zerfahren, unfertig, stagnierend, mäandernd, wenngleich in ihrem Anliegen lesbar. Sie war kein Vergnügen.“ Die unbequemen Sitzsäcke taten ihr Übriges, so dass sich der Saal spürbar leerte.

„Ein schwaches Herz“  hatte am 1. Juni 2017 Premiere. Weitere Informationen und Termine

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann
Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

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