Die Welt im Rücken

Joachim Meyerhoff warnt sein Publikum vor: „Die Welt im Rücken“ nach dem autobiographischen Bestseller-Roman von Thomas Melle ist ein anstrengender Abend – sowohl für ihn als Solo-Performer, der einen dreistündigen Kraftakt stemmt, als auch für das Publikum, das alle Höhen und Tiefen der manisch-depressiven Erkrankung mit der Hauptfigur durchleidet.

Schon der Einstieg dieses Abends ist ungewöhnlich: er schiebt die Tischtennisplatte durch das Small-Talk-Geplauder auf dem Theatervorplatz und das Foyer und gönnt sich eine Runde Ping-Pong, während das Publikum langsam am Platz nimmt. Zu Beginn wirkt der Hauptdarsteller durchaus sympathisch und fällt bis auf seinen verschwitzten, beigen Pullover auch nicht negativ auf. In angenehmem Parlando steigt er in den Abend ein.

Recht bald werden aber die Abgründe spürbar: irritierte Blicke, als er erzählt, dass er eine Affäre mit Madonna gehabt habe. Ernsthafte Sorgen muss man sich spätestens um den einsamen Mann auf der Bühne machen, als er behauptet, dass Madonna und Björk mit jeder Zeile ihrer Songs nur ihn meinen und ansprechen.

Die Szene kulminiert vor der Pause in einer Messias-Vision: in einer manischen Phase seiner bipolaren Störung steigert sich der Protagonist in den Wahn hinein, dass er der Welt als Erlöser gesandt sei. Auf einem Kopierer lichtet er seine Körperteile ab und tackert die Blätter als Imitation des gekreuzigten Jesus Christus an eine Lichtinstallation.

Besonders unangenehm wird seine manische Phase für die bedauernswerten älteren Herrschaften in der ersten Reihe, die er derart unverschämt anpöbelt, dass sich Handkes „Publikumsbeschimpfung“ dagegen wie eine gepflegte Unterhaltung beim Kaffeekränzchen ausnimmt.

In der zweiten Hälfte weist der Abend einige Längen auf: klamaukige Sticheleien gegen die Bühnenmitarbeiter überbrücken die Umbaupause, bis Meyerhoff im goldenen Glitzerkostüm auf einem überdimensionalen Gehirn-Präparat, auf das jede Anatomie stolz sein könnte, und „Crazy“ von Gnarls Barkley schmettert.

Wie am Wiener Akademietheater, wo Jan Bosses „Die Welt im Rücken“-Adaption im März Premiere hatte, wird Joachim Meyerhoff auch beim Gastspiel am Deutschen Theater Berlin mit stehenden Ovationen bejubelt. Ein ungewöhnlicher und fordernder Abend, der das Prädikat „bemerkenswert“ verdient und damit ein Kandidat für die nächste 10er-Auswahl beim Theatertreffen sein dürfte, vor allem da die Jury Österreich im allgemeinen und das traditionsreiche Burgtheater im besonderen wohl nicht zwei Mal in Folge komplett übergehen wird.

Die Struktur des Theater-Abends imitiert recht präzise die schonungslose Art, mit der Autor Melle über die Stadien seiner Erkrankung schrieb. Genauso manisch-depressiv verläuft auch die Achterbahnfahrt dieses Abends. Die Energieleistung von Joachim Meyerhoff nötigt Respekt ab. Die FAZ wirft aber zurecht die Frage auf: „Soll man sich diesen schwierigen, ein immer noch verwundbares Selbst entblößenden, mithin unfreiwillig voyeuristischen und wohl auch zu langen Abend antun?“ Die Antwort muss jeder für sich selbst finden, aber: „Man sollte jedenfalls gewappnet sein.“

Copyright: Reinhard Werner/Burgtheater

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