Dark Star

Die drei Amigos in ihren orangefarbenen Strampelanzügen sind zurück: Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke machen sich einen chilligen Abend an der Volksbühne. Sie fläzen in den Liegestühlen im Innern ihres Raumschiffs, qualmen und reden über Gott und die Welt.

Sie laden alle, denen es nichts ausmacht, bis 1 Uhr nachts auf dem harten Asphalt der Volksbühne (oder den nicht wesentlich bequemeren Stühlen) Platz zu nehmen, auf eine Nostalgie-Reise ein.

Die drei Jungs witzeln sich durch die Popkultur der 60er und 70er, als die Millenials und Hipster im Publikum meist noch gar nicht geboren waren: die „Beach Boys“ sorgen mit ihren Hits vom „Pet Sounds“-Album (1966) für gefällige Untermalung, Trystan Pütter darf sich auf dem Surfbrett austoben, Martin Wuttke gibt den Weltraum-Desperado und zieht in seiner Raumkapsel einsam seine Kreise.

Die Schauspieler reden sich über Facebook, Google und den kalifornischen Kolonisierungs-Traum in Rage, feuern einen kurzen Seitenhieb gegen Donald Trump ab oder kalauern einfach nur über einen Hund namens „Deine Katze“. Als roter Faden dienen Motive aus John Carpenters Film „Dark Star“ (1974), einem Low-Budget-Kultfilm, der das Science Fiction-Genre parodiert.

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Zu selten springt der Funke über, in der ersten Stunde versanden zu viele Dialoge im Nichts. Man könnte diesen Abend als eine Pollesch-Arbeit abhaken, die mit fast zwei Stunden nicht nur länger, sondern leider auch zäher als seine besten Inszenierungen geraten ist.

„Dark Star“ wird dennoch in Erinnerung bleiben: In der stärkeren zweiten Hälfte des Abends setzt Milan Peschel immer wieder zur selben Frage an: „Wo geht ihr jetzt hin?“ Die drei Amigos geistern nicht nur wie die Filmfiguren orientierungslos durchs All, sondern werden auch ihr Mutterschiff, die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, verlieren. Pollesch ist seit seinem Durchbruch zur Jahrtausendwende im Prater zwar längst ein im ganzen deutschsprachigen Raum zwischen Hamburg, Zürich und Wien ein sehr gefragter, vielbeschäftigter Regisseur. Wie Ulrich Khuon vor kurzem in einem Interview ankündigte, wird er in Berlin am Deutschen Theater inszenieren: einem Haus mit ganz anderer Tradition, das bisher völlig andere Publikumsschichten anspricht. Bei der Premieren-Vorschau des DT für die Spielzeit 2017/18 sucht man Pollesch noch vergeblich.

Wie  schon in den ersten beiden Teilen ihrer Volksbühnen-Diskurs-Serie im Herbst 2016 beklagen die Starschauspieler in dieser nun wirklich allerletzten Premiere der Intendanz von Frank Castorf eine künstlerische Heimat verloren geht, die ihnen Freiräume für anarchische Experimente bot wie sie sonst kaum noch zu finden sind, sondern am Rosa-Luxemburg-Platz ausdrücklich programmatisch gewünscht sind. Wuttke antwortet auf Peschels Frage „Wo geht ihr jetzt hin?“ mit einem trotzig-melancholischen „Es gibt kein Danach.“ Wenn das kein berechtigter Grund zur Nostalgie ist…

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann
Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

 

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