Eine linke Geschichte

„Wie im Museum“ fühlten sie sich, konstatierte eine Zuschauergruppe der Generation 60plus in der Pause. „Eine linke Geschichte“ erzählt von ihrer Jugend in den Jahren um 1968. Das Studentenpärchen Karin (Katja Rösing) und Johannes (Jens Mondalski) besuchte ganz brav und strebsam die Althochdeutsch-Seminare, respektierte die Autoritäten und trug Faltenrock bzw. Anzug. Bis sie 1966 Lutz (David Brizzi) kennenlernen, der von Revolution träumt und freie Liebe predigt.

Das Trio zieht zusammen in eine WG, besucht Kapital-Lesekurse, lehnt Weihnachten als bürgerliches Konsum-Ritual ab und nimmt an den Protesten gegen den Schah-Besuch teil, die am 2. Juni 1967 vom Mord an Benno Ohnesorg überschattet wurden. Diese Szenen werden, wie die Zeitzeugen kritisierten, tatsächlich recht bieder abgespult. Zur Auflockerung drängt sich immer wieder Patrik Cieslik als Ansager mit ein paar frechen Überleitungssprüchen dazwischen oder werden Original-Sketche des Berliner Reichskabaretts, aus dem das Grips Theater 1972 hervorging, eingeflochten. Höhepunkte sind die Protest-Songs von Bob Dylan, Jimi Hendrix und Co., die auch Jahrzehnte später noch frisch wirken. Unnötig war dagegen die Kneipen-Qualmszene, die das Publikum einnebelte, während die Schauspieler auf Nachrichten vom Pariser Mai 1968 warten.

Wesentlich stärker ist die zweite Hälfte: in präzise gearbeiteten Szenen wird der Zerfall der APO in K-Gruppen und Politsekten nachgezeichnet. Die verschiedenen Ideologien und Lebenseinstellungen von KPD/AO-Kadern, Spontis und Anarchos, die der RAF in den Untergrund folgten, kulminiert in gut nachgezeichneten WG-Konflikten. Nach einem Zeitsprung finden sich Lutz und Katrin, die mittlerweile ein Paar sind, im bleiernen Jahr 1977 wieder. Er ist Redakteur des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und stößt an seine Grenzen bei dem Versuch, den Apparat von innen zu verändern. Sie ist zwischen Kinderladen und Frauenbewegung auf der Sinnsuche und auf dem Weg in die Depression angesichts der geplatzten Träume.

Mit einer schönen Gruppen-Szene, als sich alle einstigen Kampfgefährten beim Glas Sekt in Peter Steins Schaubühne am Halleschen Ufer wiedersehen und über eine Inszenierung von Botho Strauß parlieren, kommt die „Linke Geschichte“ von Volker Ludwig und Detlef Michel im Jahr 1980 an, als die Original-Version am Grips Theater uraufgeführt wurde: Die Mitbestimmungsexperimente am Theater sind gescheitert, stattdessen werden Beziehungskonflikte des gehobenen Bürgertums auf der Bühne verhandelt. Parallel haben sich auch die ehemaligen 68er-Aktivisten aus Ludwigs/Michels-Stück nach 12 Jahren in die Innerlichkeit zurückgezogen.

Zum 80. Geburtstag und zum Ende seiner Intendanz schrieb Volker Ludwig einen neuen Schluss, der am 17. Juni 2017 im Grips Theater Premiere hatte: alle kommen noch mal zu einer Familienfeier zusammen. Charlie (Patrik Cieslik) interessiert sich nach wie vor nicht für die Heldengeschichten der Altvorderen von der Schlacht am Tegeler Weg oder den Anti-Vietnam-Demos. Sie alle eint aber die Sorge um die offene Gesellschaft. Die Liberalität und Weltoffenheit, die die 68er erkämpft haben und die im gesellschaftlichen Mainstream verankert schienen, werden von Pegida, Le Pen, Trump und Co. in Frage gestellt. Mit dem Appell, diese Errungenschaften zu verteidigen, endet die Zeitreise durch „Eine linke Geschichte“ nach knapp dreieinhalb Stunden.

Copyright: David Baltzer/bildbuehne.de

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