Hexenjagd

Tina Laniks „Hexenjagd“-Inszenierung ist ein Fest für alle, die sich nach werktreuen Inszenierungen sehnen, die ganz nah an der Vorlage bleiben und gar nicht erst den Versuch machen, das Abo-Publikum mit Aktualisierungen oder Experimenten aus der Reserve zu locken.

Der Abend setzt ganz auf seine beiden großen Stärken: Erstens Arthur Millers packendes Drama, das von Hexenverfolgung christlicher Fundamentalisten im 17. Jahrhundert erzählt und vor allem die Antikommunisten-Hetze der McCarthy-Ära in den 1950er Jahren meint. Ohne Fremdtext, Abschweifungen oder eigene Interpretationsansätze bringt Lanik den Repertoire-Klassiker auf die Bühne. Vermutlich hätten nur die trostlosen Pfeiler, die der Bühne etwas Bedrohliches und Unwirtliches geben, ein Staatstheater-Publikum in den 1950ern und 1960ern irritiert.

Zweitens lässt die „Hexenjagd“ mit einem starken Ensemble die Muskeln spielen: Sibylle Canonica und Thomas Loibl als Ehepaar Proctor und Valery Tscheplanowa als Abigail Williams sind die herausragenden Protagonisten eines bis in die Nebenrollen hervorragend besetzten Abends. Allein dieser erlesenen Riege bei der Arbeit zuzusehen, ist schon lohnenswert.

HEXENJAGD/Residenztheater

Dennoch bleibt nach mehr als 3,5 Stunden ein zwiespältiger Eindruck. Wie schon die Kritiken nach der Premiere im März 2016 bemängelten, ist die Kehrseite von Tina Laniks Werktreue, dass der Abend trotz der exzellenten Schauspieler und der starken Vorlage etwas langatmig und allzu konventionell wirkt. Christine Dössel brachte es in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt, „dass man da gerne hexen könnte, um da mehr Spiel, Wahnsinn und Irritation reinzubringen – und mehr Bezug zum Heute.“

Bei der letzten Aufführung der „Hexenjagd“ am Residenztheater am 23. Juli 2017 fiel leider die Live-Musikerin Polly Lapkovskaja wegen einer Erkrankung kurzfristig aus, so dass ein wesentliches belebendes Element fehlte und die Aufführung noch biederer wirkte.

Bilder: Thomas Aurin

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