1984

Als sich Winston auf dem Folterstuhl wand, kollabierte ein Zuschauerraum des Ernst Deutsch Theaters, so dass die Vorstellung mehrere Minuten unterbrochen werden musste. In seinem Dystopie-Klassiker „1984“ beschrieb George Orwell minutiös, wie Winston von seinem Folterknecht O’Brien geschunden und gebrochen wird. Auch wenn die sadistischste Szene, die Androhung ausgehungerter Ratten, die sein Gesicht zernagen werden, an diesem Hamburger Theaterabend nur sehr dezent angedeutet wurde, war die Beklemmung im Publikum zu spüren.

Elias Perrig gewann für die Spielzeiteröffnung am Friedrich-Schütter-Platz zwei überzeugende Hauptdarsteller, die nicht nur in dieser Szene den Abend tragen: Alexander Finkenwirth, der zuletzt in Potsdam in mehreren Klassiker-Titelrollen vom „Hamlet“ bis zum „Peer Gynt“ zu erleben war, verkörpert den Winston mit einer treffsicheren Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit mit weit aufgerissenen Augen und Phasen des Zauderns. Seinen Gegenpart, den Parteikader O’Brien, spielt Andreas Seifert, der viele Jahre an Claus Peymanns Berliner Ensemble mitwirkte, als einen zynischen Intellektuellen, der mit einem zur Maske erstarrten, verkniffenen Gesichtsausdruck emotionslos die nächsten Stromstöße anordnet. Auf der Habenseite kann diese „1984“-Inszenierung auch die Videoprojektionen von Urte Alfs verbuchen.

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Der Abend folgt der Bühnenfassung, die von den beiden Briten Robert Icke und Duncan Macmillan 2013 veröffentlicht wurde: Sie verdichteten das Handlungsgerippe des Romans recht geschickt. Zwangsläufig bleibt dabei aber vieles von dem, was den Orwell-Klassiker zu einem auch heute noch sehr lohnenden Lese-Erlebnis macht, auf der Strecke. Die Akribie und Vielschichtigkeit, mit der er 1948 das totalitäre System Ozeaniens beschrieb, die Ideologie des DoppelDenk und NeuSprech entfaltete und den permanenten Kriegszustand als Machtinstrument analysierte, kommen auf der Bühne zu kurz. Die von den beiden Briten konzipierte, nur wenige Minuten lange Rahmenhandlung, bei der die Schauspieler anfangs mit Kaffeetassen und am Ende bei Gin aus der Rolle treten und über den Stoff plaudern, wirkt hingegen überflüssig.

Nach knapp 2,5 Stunden bleibt der Eindruck konventionellen Stadttheaters, das sich sehr respektvoll, aber vor allem in der ersten Hälfte allzu brav nacherzählend einem großen Roman nähert, den man gerade in Zeiten von Big Data und Alternativen Fakten wieder mal aus dem Bücherregal nehmen oder mit großem Gewinn zum ersten Mal lesen sollte.

Die Bezüge zur Gegenwart liegen auf der Hand und werden in Daniel Kehlmanns Nachwort zur neuen Auflage der Ullstein-Ausgabe und im Programmheft-Interview mit dem Schweizer Regisseur klar herausgearbeitet. Auf der Bühne hat er sich jedoch jegliche Anspielung oder plakative Aktualisierung verkniffen und setzt ganz auf die Stärke der Vorlage.

Bilder: Oliver Fantitsch

 

 

 

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