Eine Frau – Mary Page Marlowe

„It´s a wonderful, wonderful life“: mit diesem Evergreen beginnt David Bösch seine Inszenierung des Sozialdramas „Eine Frau – Mary Page Marlowe“. Langsam, aber unerbittlich setzt sich die Drehbühne in Bewegung. Was wir in den folgenden 90 Minuten erleben, sind elf – zugegebenermaßen sehr routiniert komponierte – Szenen eines ganz und gar nicht wundervollen Lebens.

Mitten hinein geht es in eine Szene, in der Bettina Hoppe die Mary Page Marlowe als Alter ego ihrer Solo-Nummer „Die Frau, die gegen Türen rannte“ verkörpert: Wieder eine Frau, der alles über den Kopf zu wachsen droht. Wieder eine gescheiterte Ehe. Wieder sehr viel Frust. Wieder versucht sie, ihn im Alkohol zu ertränken, und verursacht, wie wir später erfahren, einen schweren Autounfall, der sie in den Knast bringt.

Die Drehbühne dreht sich von nun an unerbittlich weiter. Mit präzisen Jahresangaben springt die Handlung munter vor und zurück. Tracy Letts pickte einige kurze Szenen heraus, für die das Wort „Schlüsselmoment“ im Leben der Titelfigur vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist, die aber doch recht markant sind und dem Publikum aufschlussreiche Einblicke in ihren Charakter geben.

Wir erleben die Suchtproblematik, die sich mit Alkohol, Zigaretten und Drogen über die Generationen vererbt. Wir begleiten Mary Page Marlowe, die je nach Lebensalter von Kinderdarstellerinnen oder den Ensemble-Mitgliedern Carina Zichner, Bettina Hoppe und Corinna Kirchhoff gespielt wird, zu einer Therapie, die ihre Ratlosigkeit nur verschlimmert, oder zu flüchtigen Affären in hoffnungslos-tristen Hotelzimmern.

Eine Frau - Mary Page Marlowe/Berliner Ensemble

Natürlich gibt es auch die kurzen Glücksmomente und die verpassten Chancen. Was wäre wohl aus Mary Page Marlowe geworden, wenn sie den Heiratsantrag des Kapitäns der High School-Football-Mannschaft angenommen hätte? Oder wenn sie ihren Andy (Martin Rentzsch) früher kennengelernt hätte? Mit ihm erlebt sie nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe in einer völlig heruntergekommenen Wohnung Intimität und auch ein kleines Glück. Auf diese dritte Ehe blickt sie gerne zurück, als sie kurz nach Andys Tod selbst schwerkrank im Bett liegt.

„It´s a wonderful, wonderful life?“ Nein, „ein relativ normal verkorkstes Leben“, wie es Dramaturgin Sibylle Baschung in einem Programmheft-Interview so schön zusammenfasst.

Wurde daraus „a wonderful theatre play?“ Auch das nicht. Aber doch immerhin ein solider Theaterabend, bei dem ein „well-made play“ sehr routiniert abschnurrt, der bei Regisseur David Bösch auch zu einem Streifzug durch die Pop-Geschichte wird. Zu einem großen Theaterabend fehlte es den Figuren an Tiefe. Zu oft hatte man auch das Gefühl, all das so ähnlich schon unzählige Male gesehen zu haben.

Bilder: Julian Röder

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