Red Pieces

Anfangs bleibt die Bühne leer und schwarz. Aus dem Zuschauerraum dringt eine leise Stimme, die über sadomasochistische Praktiken spricht. Langsam erhebt sich Mette Ingvartsen, geht auf die Bühne und hält dort eine recht monotone Lecture, die den Bogen vom Marquis de Sade zu Folter und sexuellen Misshandlungen in Abu Ghraib schlägt.

Ungewöhnlich statisch bleibt ihr Solo „21 pornographies“, die tänzerischen Elemente kommen in diesen ersten 70 Minuten des „Red Pieces“ überschriebenen Abends zu kurz. Die einzelnen, nur durch das Wort „Cut“ getrennten Leidensgeschichten weiblicher Opfer sind redundant und doch etwas zu schlicht aneinandergereiht.

Daran schloss sich eine sehr lange, einstündige Pause an. Von den Videos, die im Sternfoyer und Roten Salon der Volksbühne über die Leinwände flimmerten, ließen sich die meisten Besucher nicht weiter stören. Das Filmprogramm „The Permeable Stage“ sollte die Darstellung von Sex und nackten Körpern in Experimentalfilmen wie von der queer-feministischen Berlinale-Stammgästin Barbara Hammer dokumentieren, kam aber meist nicht über merkwürdige Raritäten wie „Prinzessin Marina“ von Anja Czioska hinaus: Als plötzlich der Schlager „Marina“ durchs Foyer schallte, schreckten doch einige aus ihren Pausengesprächen kurz hoch.

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Wesentlich stärker war die zweite Performance „to come (extended)“: Ingvartsen steckte ihre Tänzerinnen und Tänzer in türkisblaue, hautenge Ganzkörper-Anzüge, die nicht mal das Gesicht freiließen. In exakt choreographierten, zeitlupenartigen Bewegungen tasten sich die eigenartigen Wesen ab und beschnuppern sich zärtlich. Die Stimmung schlägt plötzlich um, das Ensemble zieht sich an den Rand zurück und pellt sich aus den Overalls. Als nackter Chor parodieren sie zunächst einen gemeinsamen Orgasmus und feiern dann zu Musik, die auf das wilde Berlin der Weimarer 20er Jahre anspielt, ausgelassen. Diese pure Lebensfreude ist ansteckend und versöhnt mit dem schwächeren ersten Teil.

„to come (extended)“ schließt thematisch an das Vorgänger-Stück „7 Pleasures“ an, das 2015 im HAU lief, ist aber bei weitem nicht so stringent und intensiv.

Für Nachteulen gibt es nach jeder „Red Pieces“-Vorstellung noch Late-Night-Vorträge unterschiedlicher Referentinnen und Referenten inklusive weiterer Kurzfilme im Roten Salon.

Bilder: Jens Sethzman

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