Der Balkon

Der kroatische Regisseur Ivica Buljan ist am Bayerischen Staatsschauspiel für die Autoren zuständig, die der bürgerlichen Gesellschaft in der wohlsituierten Nachkriegszeit den wohligen Schauer des Verruchten und Skandalträchtigen über den Rücken jagten: nach Pasolinis „Schweinestall“ inszeniert er in dieser Spielzeit „Der Balkon“ aus dem Spätwerk von Jean Genet.

Der französische Dramatiker, der es vom Dieb und Zuhälter zum Darling der Pariser Intellektuellszene um das Paar Jean-Paul Sartre/Simone de Beauvoir brachte, zeichnet in diesem Stück das Bild einer korrupten Gesellschaft. Draußen tobt die Revolution, drinnen ergehen sich die Bürger in Macht- und SM-Spielen. In Irmas Bordell (Juliane Köhler) toben sich die Männer in Bischofskutte (Christian Erdt), Generalsuniform (Tim Werths) und Richterrobe (Philip Dechamps) aus, die Prostituierten (Mathilde Bundschuh) müssen ihre Phantasien über sich ergehen lassen.

Nach der Pause fällt der Spannungsbogen deutlich ab, in den drei Stunden ist aber ein typischer Buljan-Abend zu sehen: die Schauspielerinnen und Schauspieler wechseln ständig zwischen ihren Rollen und ihren Auftritten als Live-Band, die diesmal vor allem franzsösische Chansons zu Gehör bringt. Die Szenen werden farcehaft und hysterisch gespielt, das Publikum direkt angesprochen und provoziert.

DER BALKON / Residenztheater

In Erinnerung bleiben vor allem drei Momente: Tim Werths legt mit seiner Imitation des übergriffigen Affen aus „The Square“, der durch die Reihen klettert, das Publikum bedrängt und erst vom Polizeidirektor (Nils Strunk) zur Räson gebracht wird, als neues Mitglied des Residenztheater-Ensembles einen denkwürdigen Auftritt hin. Marko Mandić, im Kino und TV auf Schurkenrollen abonniert, mimt den Anführer der Revolution und schafft es, dass das ums Lagerfeuer vor dem Marstall versammelte Publikum in die „Internationale“ einstimmt. Einen bemerkenswerten Auftritt hat auch Juliane Köhler, die zwischen all den Machtspielen der Männer den Überblick behält und am Ende triumphiert. Sie ist als Puffmutter Irma interessant gegen den Strich und die Erwartungen besetzt, spielt diesmal aber nicht ganz so furios wie als Italo-Rockröhre in Buljans Vorgänger-Inszenierung „Der Schweinestall“.

Bilder: Konrad Fersterer

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