Das ferne Land

In Frankreich ist Jean-Luc Lagarce der meistgespielte zeitgenössische Autor, nur Shakespeare und Molière stehen häufiger auf dem Spielplan. In Deutschland kennen ihnen auch viele Theater-Insider nicht. Daran hat auch die hervorragende Kino-Adaption seines Stücks „Einfach das Ende der Welt“ (2016) wenig geändert.

Lagarce schrieb dieses Stück übers Abschiednehmen und Sterben während eines sechsmonatigen Berlin-Aufenthalts: Louis kehrt zu seiner Familie zurück, zu der er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Der Grund ist: Er hat sich mit AIDS infiziert. Erst 34 Jahre jung wird er bald sterben.

Nur zwei Wochen vor seinem Tod an HIV konnte Lagarce 1995 noch eine aktualisierte Fassung von „Einfach das Ende der Welt“ fertigstellen: In „Das ferne Land“ lernen wir nicht nur die biologische Familie von Louis, sondern auch seine soziale (Wahl-)Familie, seine Freunde und Liebhaber.

Der französische Regisseur Nicolas Charaux inszenierte am Münchner Volkstheater die deutsche Erstaufführung dieses Stücks: ein fast dreistündiger Abend über einen Verlorenen. Von seiner Familie in der Provinz trennt ihn die tiefe Kluft, die Didier Eribon in seinem soziologischen Essay „Rückkehr nach Reims“ analysierte. Seine Schwester Suzanne flüchtet ins Plappern, sein Bruder Antoine reagiert wütend und aggressiv auf die Rückkehr des „verlorenen Sohns“. Aber auch in seiner Wahlfamilie findet er keinen Halt: der Liebhaber starb vor kurzem selbst an AIDS und geistert ebenso wie der Vater nur durch die Erinnerungen von Louis. Zwischen One-Night-Stands und einem langjährigen Freund, der ihn in die alte Heimat begleitet, fühlt er sich einsam.

Wie fern sich die Figuren sind, verdeutlicht Regisseur Charaux mit intelligentem Einsatz von Videos. Nicht nur die bereits Toten, sondern auch Louis tritt in Schlüsselszenen nur als Projektion auf der Leinwand mit ihnen in Kontakt. Eine Kommunikation auf Augenhöhe ist den Figuren nicht möglich. Gregor Knop ragt als Gast des Münchner Volkstheaters in der Hauptrolle des Louis heraus und wird zum Zentrum der melancholischen Szenen.

Mit dem Lichtdesign von Günther E. Weiß und der fast leeren Bühne von Pia Greven evoziert Charaux eine traurig-düstere Grundstimmung. Nach der Pause dauert es aber eine Weile, bis sich die Atmosphäre langsam wieder aufbaut. Ein weiterer Makel der Inszenierung ist, dass das Tableau der emotional verwahrlosten Figuren, die sich elf Spielerinnen und Spieler teilen, sehr überladen wirkt. An diesen Punkten bleibt die Theateradaption deutlich unter der Messlatte, die Xavier Dolan mit seiner Verfilmung des Stoffs sehr hoch gelegt hat. Dennoch war „Das ferne Land“ eine interessante Annäherung an den französischen Dramatiker Jean-Luc Lagarce, den die deutsche Theaterlandschaft für sich entdecken muss.

Bild: Gabriela Neeb

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