Die Zukunft von Gestern

Oktober 1998: Helmut Kohl war gerade abgewählt. Rot-Grün stolperte sich ins Amt. Berlins Mitte war eine Baustelle voller Freiräume, durch die Tom Tykwers Film-Lola rannte. In den Sophiensaelen stellten sich „Nico and the Navigators“ mit ihrer ersten Arbeit vor.

Zwanzig Jahre später blickt Nicola Hümpels Ensemble zurück: voller Melancholie, aber auch mit einem großen Schuss Selbstironie. Die Geburtstags-Produktion „Die Zukunft von Gestern. Menschenbilder 2.0“ wird eingerahmt von Patric Schotts Erinnerungen, einem „Navigator“ der ersten Stunde. Er berichtet den staunenden, jüngeren Mitstreiter*innen von dem strengen Regel-Korsett, das sich das Kollektiv in der Anfangszeit gegeben, aber schnell abgestreift hat, von seinen Nacktszenen und seinen kargen Redeanteilen.

In einer Erinnerungsrevue treten nacheinander Performerinnen wie Yui Kamaguchi, die dem „Navigators“-Highlight „Cantatatanz“ ihren Stempel aufdrückte, oder Annedore Kleist auf die Bühne. Mitten in recycleten alten Bühnenbildern tauchen sie in frühere Rollen ein und erzählen, wie sie zum ersten Mal mit „Nico and the Navigators“ in Berührung kamen.

„Die Zukunft von Gestern“ ist vor allem ein Abend für Fans, Insider und Weggefährt*innen: voller Rückblenden, poetisch-versponnen, im Lauf der knapp 90 Minuten immer assoziativer ohne den klaren roten Erinnerungs-Faden. Es ist sicher nicht die stärkste Arbeit von „Nico and the Navigators“, gegen Ende etwas ermüdend. Schöne Momente wie eine „Time after time“-Duett-Choreographie von Anna-Luise Recke und Michael Shapira oder ein Barock-Solo von Kamaguchi wechseln sich mit skurrilen bis leicht albernen Miniaturen ab.

Aber die besondere Handschrift der Gruppe mit ihrer ganz eigenen, in keine Schublade passenden Mischung aus Performance-Experimentierfreude, Musiktheater und Tanz ist auch bei dieser Jubiläums-Produktion klar erkennbar, mit der sie nach Ausflügen in die Zionskirche, ins Radialsystem V oder auf Kampnagel in Hamburg wieder zu ihren Wurzeln in die Sophiensaele zurückkehrten.

Bilder: Dirk Bleicker

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