Grand Finale

Ein Tanz auf dem Vulkan im Halbdunkel zwischen monumentalen Stelen, die an das Holocaust-Mahnmal im Zentrum Berlins erinnern, ist an zwei Gastspiel-Abenden im Haus der Berliner Festspiele zu erleben: Der in London lebende, israelische Choreograph Hofesh Shechter lässt seine Tänzer*innen in seinem neuesten Stück, das seit der Pariser Premiere 2017 auf Tour ist, die Extreme durchleiden.

Momente der Stille, die allzu kitschig geraten sind, wie z.B. Seifenblasen, die kurz vor der Pause auf das Ensemble herabrieseln, wechseln sich mit aggressiv dröhnenden, die Trommelfelle angreifenden Beats ab, zu denen die Tänzer*innen orientierungslos taumeln, hysterisch zappeln oder wie tot zu Boden sinken.

In den letzten zwanzig Minuten nach der Pause lässt Shechter diese Extreme besonders holzschnittartig aufeinanderprallen. Das Publikum, das von Sekt und Pausen-Häppchen langsam zurückschlendert, wird von den operetten- und walzerseligen Melodien von Franz Lehar begrüßt. Das live auf der Bühne musizierende Orchester spielt ein letztes Mal beschwingt auf, die Titanic winkt mit dem Zaunpfahl. Sofort kippt die Stimmung ins Apokalyptische. Mit einem küssenden Liebespaar als finalem Bild schlägt das Pendel wieder zurück.

Die New York Times brachte es nach dem Gastspiel in Brooklyn auf den Punkt: „Grand Finale“ ist zu effekthascherisch und in vielen Szenen voller Klischees. Vor allem die erste Stunde mäandert oft ziellos dahin. Allzu beliebig wirken die Szenen, wie auf Hochglanz poliertes, aber doch schales Kunsthandwerk. Für Momente ist das schön anzuschauen, platzt aber so schnell wie die oben erwähnten Seifenblasen, sobald man dagegen stupst. Auch die insgesamt sehr wohlwollend urteilende Guardian-Kritikerin Judith Mackrell musste zugestehen, dass der Abend dringend schärfere Konturen, einen klareren Fokus und einige Schnitte gebraucht hätte.

Hofesh Shechter ließ beim „Grand Finale“ seine Muskeln spielen, zeigte stolz seinen Instrumentenkasten als auf Festivals gefeierter Star-Choreograph, konnte mich aber trotz des frenetischen Applauses einiger Fans nicht überzeugen.

Bilder: Rahi Rezvani

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