Dogman

Dieses Gesicht, in das sich Trauer, Schmerz und Demütigungen tief eingeschrieben haben, wird man nicht so schnell vergessen: Marcello Fonte ist eine großartige Entdeckung des Films. Vom Komparsen in Scorseses „Gangs of New York“-Epos und Darsteller von TV-Nebenrollen schaffte er es mit 40 Jahren auf den Roten Teppich von Cannes, wo er in diesem Frühsommer als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Matteo Garrone fand ihn bei einem Casting in einem Sozialzentrum für Ex-Häftlinge, wo er als Hausmeister jobbte, wenn wir den Infos im Presseheft glauben dürfen.

„Dogman“ ist ganz auf die Hauptfigur Marcello zugeschnitten. In einer tristen Vorstadt versucht er, sich als Hundefriseur über Wasser zu halten. Vom ersten Moment stechen sein tief zerfurchtes Gesicht, seine trauerumrandeten Augen und seine erschöpfte Ausstrahlung ins Auge. Seine Tochter besucht ihn zwar regelmäßig, lebt aber anscheinend bei der Mutter. Das Wichtigste sind für ihn deshalb seine Hunde, die er zu betreuen hat. Die Kamera fängt überzeugend die unterschiedlichen Charaktere der Tiere ein: vom aggressiven, scharfgemachten Kampfhund, dem sich selbst Marcello nur mit Schlauch und Wischmopp nähert, bis zu den Schoßhündchen, die ihn treuherzig anhimmeln. Die Szenen, in denen Marcello mit den Tieren allein ist, sind die einzigen Momente zum Schmunzeln und in denen für kurze Zeit, eine friedliche Ruhe einkehrt.

Sonst erleben wir Marcello vor allem gehetzt. Unter Druck setzt ihn der Ex-Boxer Simoncino (Edoardo Pesce), der ihn als Handlanger für seine kriminellen Aktionen missbraucht und meist nur mit einem Almosen aus der Beute abspeist. Marcello soll ihm immer noch mehr Kokain bei seinem Dealer besorgen und ihm schließlich sogar seinen Ladenschlüssel aushändigen, damit er nachts die Wand durchbrechen und den benachbarten Goldankäufer ausrauben kann.

Mit „Dogman“ kehrt Matteo Garrone zu den Themen zurück, die ihn 2008 mit „Gomorrha“ (Silberne Palme in Cannes) berühmt machten: Brutale Gewalt, die eine heruntergekommene Gegend in ihrem Erpressergriff hält. Bei Simoncino bleibt bewusst offen, ob er nur ein Kleinkrimineller ist, der seine körperliche Überlegenheit ausnutzt, oder ob ihm eine Clan-Struktur den Rücken freihält. Der schmächtige Marcello fühlt sich ohnmächtig. Als ihn die Polizei drängt, als Kronzeuge gegen den Paten des Viertels auszusagen, zögert er und entscheidet sich dagegen. Lieber geht er ins Gefängnis.

Es bedarf erst weiterer Demütigungen, bis Marcello keinen anderen Ausweg mehr sieht als den ebenso gierigen wie tumben Kraftprotz in eine Falle zu locken und in einen seiner Hundekäfige zu sperren. Im Showdown behält Marcello die Oberhand. Es ist ein eindringliches Bild, wie er die Leiche mit sich herumschleppt, nach Mafia-Methode zunächst möglichst rückstandslos entsorgen will, sich aber dann doch entscheidet, sie als Trophäe seinen Bekannten auf dem Bolzplatz zu präsentieren. Sie beachten ihn nicht weiter und verschwinden, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Marcello hat zwar seine Nemesis, die ihn quälte, getötet, sitzt aber genauso verloren herum wie zuvor. Er bleibt Außenseiter in einer grauen, hoffnungslosen Welt.

„Dogman“ war neben Alice Rohrwachers „Glücklich wie Lazzaro“ der zweite starke und zurecht preisgekrönte italienische Wettbewerbs-Film in Cannes, startete am 18. Oktober 2018 in den Kinos geht und ist Italiens Oscar-Kandidat für das kommende Jahr.

Bilder: Greta De Lazzaris ©AlamodeFilm

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