Ausweitung der Kampfzone

In seinem Romandebüt von 1994 (in deutscher Übersetzung 1999) sind bereits die meisten Themen angelegt, die Michel Houellebecq umtreiben. Die fragementarische, aus kurzen Skizzen bestehende „Ausweitung der Kampfzone“ kreist um die Depressionen und sexuellen Neurosen eines 30jährigen, der unter seiner Einsamkeit leidet. Er fühlt sich im Leben zu kurz gekommen und hat die Frauen bereits abgeschrieben, aber sein Kollege, der ihn auf einem beruflichen Trip durch die französische Provinz begleitet, leidet enorm darunter, dass er sich bei jedem Flirt eine neue Abfuhr holt.

Sprachlich mischen sich banale Alltagsbeobachtungen, milder Spott und eine äußerst unangenehme Gehässigkeit, die vor allem in den Personenbeschreibungen des Ich-Erzählers durchbricht. Schon bei seinem Erscheinen hat das Romandebüt stark polarisiert. Seitdem hat sich Houellebecq mehr und mehr zur Kunstfigur stilisiert. Seine Auftritte, seine raunenden Interviews und seine immer unverholener rassistisch oder misogyn argumentierenden Romanfiguren verschwimmen in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer griesgrämigen, von seiner Suchtkrankheit gezeichneten, demonstrativ nicht auf sein Äußeres achtenden Karikatur. Dieses Image kultiviert und pflegt Houellebecq als genialer Marketing-Stratege seit Jahren sehr erfolgreich.

Als Karikatur geistert Houellebecq auch durch die mehr als zweistündige Roman-Adaption von Ivan Panteleev in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Marcel Kohler setzt sich einen riesigen Houellebecq-Kopf aus Pappmaché auf. Verzerrt und piepsig kommt die Stimme des französischen Schriftstellers vom Band.

Auch die zentrale Passage des Buches, in der Houllebecq den Titel „Ausweitung der Kampfzone“ herleitet und sehr schlüssig die Mechanismen des entfesselten Turbokapitalismus seit den 1990ern mit den Regeln auf dem Fleisch- und Heiratsmarkt der Sex-Partner-Wahl vergleicht, geht in einer Slapstick-Nummer unter: Samuel Finzi (mit blutiger Nase), Marcel Kohler und Jeremy Mockridge haben Kathleen Morgeneyer an der Angel und zerren an ihr herum, während sie zappelt und schreit.

Der Abend ist aber nicht nur Karikatur. Zwischen zahlreichen kleinen Mätzchen, Dusch-, Umzieh- und Kochszenen gibt es auch Momente, in denen eine gewisse Ernsthaftigkeit spürbar ist. Der schlaksige Marcel Kohler, der sich mit Finzi die meisten Textblöcke des Ich-Erzählers teilt, spielt verklemmten, neurotischen Typen in wenigen Szenen sehr überzeugend. Hier deutet sich das verschenkte Potenzial des Abends an. Auch Kathleen Morgeneyer sorgt für einige stille, sehenswerte Momente.

Die Roman-Adaption hat jedoch schon in ihrer Grundstruktur einige gewaltige Probleme, die für das Scheitern des Abends verantwortlich sind: Es wird nicht klar, was Panteleev und sein Team überhaupt erzählen möchten: Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Autor und Stoff? Oder geht es ihnen nur um eine Karikatur? Außerdem ist die Auswahl der Textstellen viel zu unfokussiert. Houellebecqs Ich-Erzähler entschuldigt sich im dritten Kapitel dafür, dass sein Roman eigentlich nur eine Abfolge von Geschichten und chaotisch sei. Dennoch entsteht daraus ein Mosaik, ein klares Bild einer an sich und seiner Umwelt scheiternden Hauptfigur. Finzi zitiert diese Passage auf der Bühne. Sie kann aber nicht als Entschuldigung dafür dienen, dass sich die Auswahl der auf der Bühne gezeigten, oft mit hysterischem Lachen unterlegten kurzen Szenen nicht sinnvoll zusammen fügt. Auch nach der Lektüre des Romans wirkt es willkürlich und bleibt unklar, wie Szenen angeordnet und eingerichtet sind. Ein roter Faden ist an diesem Houellebecq-typisch zu verqualmten Abend nicht ersichtlich.

Ausweitung der Kampfzone nach dem Roman von Michel Houellebecq Regie: Ivan Panteleev Bühne: Michael Graessner Kostüme: Daniela Selig Licht: Robert Grauel Dramaturgie: Bernd Isele Auf dem Bild: Samuel Finzi, Kathleen Morgeneyer Copyright Arno Declair

Hin und wieder werden noch Fremdtexte eingefügt, hier ein Exkurs zum SCUM-Mamifest von Valerie Solanas, dort ein nachgespieltes Houellebecq-Interview, das Kathleen Morgeneyer im Affenkostüm performt. Dies alles ergibt jedoch kein stimmiges Ganzes.

Es ist symptomatisch, dass die Spieler*innen in den Abend geradezu hineinstolpern: im Publikum wird bei voller Saalbeleuchtung noch eifrig getuschelt, während das Ensemble auf die Bühne kommt und minutenlang auf dem Baustellen-Setting (Bühne: Michael Graessner) herumräumt, bevor unvermittelt die ersten Sätze fallen. Das ist zwar als ironischer Gag bewusst eingesetzt. Genauso unfertig und ziellos ist jedoch der gesamte Abend. Obwohl noch kurz vor der Premiere 15 Minuten gekürzt wurden, ist die „Ausweitung der Kampfzone“ immer noch viel zu lang. Die Inszenierung bleibt in ihren Aussagen zu beliebig und banal.

Bilder: Arno Declair

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