Enfant terrible

Der Regie-Berserker Rainer Werner Fassbinder und seine Kreativität, mit der in seinem kurzen Leben mehr als 40 Spielfilme drehte, wirken unheimlich. Er polarisiert bis heute, hat begeisterte Anhänger und erbitterte Gegner, ist vor allem für nachgeborene Generationen nicht so recht zu fassen.

Dieser facettenreiche, schillernde Charakter wäre der ideale Stoff für ein sehenswertes Biopic. Doch Regisseur Oscar Roehler begeht zwei kapitale Fehler: er erzählt die Lebensgeschichte brav chronologisch von den ersten Schritten auf den Schwabinger Kellerbühnen in den späten 1960ern bis zum plötzlichen Herzstillstand im Sommer 1982.

Schlimmer noch ist es, dass er sich ganz auf einen Aspekt konzentriert und diesen in mehr als zwei Stunden in aller Überdeutlichkeit ausmalt. Inspiriert von Kurt Raabs „Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder“ schildert „Enfant terrible“ den Regisseur Fassbinder als rüpelhaften, sein Team schikanierenden Sadisten. Raab litt offensichtlich besonders unter den Zumutungen und wird auch als einer der wenigen aus der Fassbinder-Familie in diesem Biopic mit Klarnamen dargestellt. Die Stars wie Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Irm Hermann setzten sich dagegen zur Wehr und sind in „Enfant terrible“ nur verschlüsselt zu erkennen, z.B. in der Rolle der Gudrun, die Katja Riemann übernahm.

Es wird recht bald langweilig, wie sich Roehler an Fassbinder abarbeitet: „Immer laut, immer vulgär, kotzen, schwitzen, ficken. Tourette-Kino“, brachte es Andreas Busche im Tagesspiegel auf den Punkt. Vor – aus Kostengründen – aufgemalten Theaterkulissen im Studio schleppt sich dieses Porträt eines Sadisten dahin. Alles konzentriert sich auf die Hauptfigur, die Oliver Masucci ohne Nuancen als überdrehte Farce verkörpert, während alle übrigen Protagonist*innen zu austauschbaren Abziehbildern und Opfern der Launen der Regie-Diva werden.

Über viele Fassbinder-Filme ist die Zeit hinweggegangen, da sie doch zu sehr als Schnellschuss am Fließband produzierte Porträts einer engstirnigen, kleinbürgerlichen, bundesrepublikanischen Gesellschaft der 1970er Jahre zeichneten. Es gibt aber doch einige bleibende Werke, wie „Angst essen Seele auf“ oder Fassbinders Dialog mit seiner Mutter über Notstand, Demokratie und Terror im Gemeinschaftswerk „Deutschland im Herbst“. Die kurzen Reminiszenzen an diese beiden Filme sind auch die interessantesten Aspekte an „Enfant terrible“: Eva Mattes schlüpft kurz in die Rolle der Emmi Kurowski/Brigitte Mira und auch der berühmte Dialog am Küchentisch der Fassbinders wird als knappe Sequenz in den überlangen Filmen eingebaut.

Es ist lohnender, diese beiden Fassbinder-Werke aus dem Archiv anzusehen als das Biopic über ihn.

Bilder: BavariaFilmproduktion

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