Ivanov

Sie tanzen einfach weiter. Die Titelfigur „Ivanov“ hat sich in den Kopf geschossen und liegt tot am Boden, aber im Hintergrund zappeln und wiegen sich die Partygäste weiter zu den Beats. Mit diesem Schlussbild unterstreicht Karin Beier, Regisseurin und Intendantin des Schauspielhauses Hamburg, noch einmal, wie empathielos und oberflächlich die Figuren in diesem Tschechow-Drama um sich selbst kreisen.

Ihr Innenleben ist so leer wie die kahle Bühne, auf der sich das große, mit Stargästen wie Eva Mattes und Devid Striesow gespickte Ensemble tummelt. Einer spricht dies immer wieder aus und versucht, sich und den anderen den Spiegel vorzuhalten: Nikolaj Aleksejevitsch Iwanow, den Striesow in manchen Momenten etwas zu zappelig anlegt, wie Wolfgang Höbel in seiner SPIEGEL-Rezension zurecht kritisierte.

Den stärkeren Eindruck hinterlassen deshalb deshalb die Frauen: Josefine Israel, die von Aenne Schwarz die Rolle der jungen Braut Sascha übernommen hat, und trotzig aufstampfend darauf beharrt, dass man anders leben müsse; Angelika Richter, die hustend und zombiehaft als seine an Tuberkulose erkrankte Frau Anna Petrowna über die Szenerie geistert; Eva Mattes, die als seine künftige Schwiegermutter Sinaida Sawischna so patent wirkt, wenn sie tonnenweise Stachelbeerkonfitüre heranschleppt, sich aber als berechnende alte Hexe entpuppt; oder natürlich Lina Beckmann, die große Komödiantin im Ensemble, die aus ihrer kleinen Nebenrolle eine typische Lina Beckmann-Figur macht.

Beckmann, aber auch Bastian Reiber und Michael Wittenborn garantieren dafür, dass der Abend nicht in Tschechow-Melancholie versinkt. Mit ihren kleinen Comedy-Einlagen lassen sie immer wieder die Komödie durchschimmern, als die „Ivanov“ von Tschechow ursprünglich angelegt war, bevor er das Stück überarbeitete und schließlich unter der Gattungsbezeichnung Tragödie veröffentlichte.

Das erlesene Ensemble aus Publikumslieblingen des Hauses und eingeladenen Stars kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser „Ivanov“ von Karin Beier dieselbe Schwierigkeit wie so viele Tschechow-Abende hat: Wie kann man von der Lethargie, Oberflächlichkeit und inneren Leere erzählen, ohne dass die Inszenierung in tiefe Spannungslöcher fällt und sich die knapp drei Stunden oft ziehen wie Kaugummi?

Bilder: Arno Declair

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