Was also ist mein Land?

Was für ein Großaufgebot von Kamerateams und Hauptstadt-Journalisten: nach einem halben Jahr Auszeit, die sich Angela Merkel in ihrem ehemaligen Wahlkreis an der Ostsee, in der Uckermark und in der Toskana nahm, meldet sie sich mit ihrem ersten Auftritt als Bundeskanzlerin a.D. zurück.

Dafür hat sie sich eine der schönsten Bühnen ausgesucht, die die Stadt zu bieten hat: im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm ist sie zu Gast und plaudert sich durch die 90 Minuten, die der Dokumentations- und Ereigniskanal Phoenix live überträgt. Der formale Anlass ist die Vorstellung eines Sammelbands mit mehreren Reden, der im Aufbau Verlag erschien. Aber dieser Band interessiert an diesem Abend nur die wenigsten.

Der Stargast bleibt noch hinter dem Vorhang, zunächst hält SPIEGEL-Autor Alexander Osang eine launige Einführung und liest Passagen aus alten Porträts über sie vor. Er beklagt sich, dass er sie nie richtig zu fassen bekam und sie immer seltener überhaupt mit ihm sprach.

Zu fassen bekommt Osang die Kanzlerin a.D. auch an diesem Abend nicht. Das liegt aber nicht daran, dass sie sich dem Gespräch verweigern würde: nein, Merkel ist gut aufgelegt, ganz mit sich im Reinen und schwebt auf einer Wohlfühlwolke unter immer wieder aufbrausendem Applaus durch den Talk. Dass das Gespräch nicht so richtig in Gang kam, lag vor allem daran, dass Osang nicht nachfasste und defensiv blieb. Woran lag es: an einem strengen Briefing von Merkels Medien-Team? Oder am furchteinflössenden Gefühl, dass im Saal so viele Edelfedern und Leitartikler sitzen, die alle glauben, dass ihnen das erste Merkel-Interview zugestanden hätte und überzeugt sind, dass sie dieses Interview viel besser führen würden – in vielen Fällen auch zurecht. Nils Minkmar aus dem SZ-Feuilleton fasste die Stimmung der kritischen Beobachter mit folgendem Tweet gut zusammen.

Merkel tänzelte unangefochten durch die harmlosen Fragen. Klartext redete sie zum Völkerrechtsbruch von Putins Angriff auf die Ukraine, aber hier gibt es unter ernstzunehmenden Beobachtern ohnehin keine zwei Meinungen. Ansonsten beließ sie es bei der Kunst der charmanten Unverbindlichkeit, die sie in 16 Amtsjahren perfektioniert hat. Sie beherrscht, was ihr Nachfolger Olaf Scholz auch so gerne können würde: sie lässt Angriffe elegant ins Leere laufen und reiht ein paar Unverbindlichkeiten aneinander. Das Frappierende ist, wie gut sie es schafft, mit Nullaussagen und Banalitäten durch den Abend zu gleiten, so dass ihr ein Großteil des Saals zu Füßen liegt, während sich Scholz bei seiner mittlerweile legendären 15-minütigen PK zu schweren Waffen solange in ein Nichts aus Sprechblasen und Satzfetzen hüllte, bis das Publikum peinlich berührt war.

Erstaunlich ist auch, wie gut sie mit ihrer selbstbewussten Meinung durch kommt, dass sie sich doch eigentlich nichts vorzuwerfen habe. Sie habe in den 16 Jahren alles nach bestem Wissen und Gewissen erledigt und eigentlich keine Fehler gemacht: weder im Umgang mit Putins Russland, noch mit der Ukraine und Nord Stream. Während Scholz in die Enge getrieben schon mehrfach einige Sätze raushaute, die von den Beobachtern als plumpe Herabsetzung von Gegnern und Ausraster stirnrunzelnd quittiert wurden, nimmt es Merkel kaum jemand übel, dass sie jede Kritik an ihrem Erbe an sich abprallen lässt. Stillstand und unbewältigte Herausforderungen, die Merkel viele Jahre mit dem Schleier einer sich im Ungefähren sonnenden Beliebigkeit zu überdecken versuchte, sind mit Händen zu greifen. Aber an ihr bleibt einfach nichts hängen. Sie steht glänzend da, auch als Alleinunterhalterin mit Stichwortgeber an diesem lauen Sommerabend im Berliner Ensemble.

Bild: Moritz Haase

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