Rabatt

Temporeiche Grotesken sind das Markenzeichen von Nora Abdel-Maksoud. Mit „Jeeps“ an den Münchner Kammerspielen bretterte sie mit ihrem High-Speed-Theater sogar bis auf die Longlist der Theatertreffen-Jury.

Dem Berliner Publikum ist sie auch schon seit Jahren vertraut. Nach ersten Schritten im Ballhaus Naunynstraße und einer Gastspiel-Einladung zu den Autorentheatertagen am DT inszenierte sie bereits 2x („The Making-of“ und „The Sequel“) im derzeit renovierten Studio des Gorki Theaters und nun erstmals auf der großen Bühne.

Für „Rabatt“ wirft sie sich mit der gewohnten Sprachgewalt in eine ganze Reihe von Themen: in nur 80 Minuten bringt sie Klassismus, die prekären Arbeitsbedingungen bei Lieferando und all den anderen Service-Start-Ups, die kuriosen Karrieren von Talkshow-Dauergästen und das aktuelle Gorki-Lieblingsthema, die Debatte um linke Identitätspolitik, unter.

Königin des Abends ist Orit Nahmias: ihre Figur ist am präzisesten ausgearbeitet und mehr als eine Karikatur. Sie spielt die fiktive Publizistin Dena Grigorova, die sich mit ihren Krawallbüchern und ein paar polemischen Talking Points einen Stammplatz in den Talkshow-Sesseln erarbeitet. Mit ihrem Gejammer über einen angeblich „verengten Meinungskorridor“ treibt sie ihre Karriere zielstrebig voran, kann aber selbst nicht mal erklären, was sie mit diesem Schlagwort eigentlich genau meint, wie Nahmias ins Publikum grinst. Ihr zur Seite steht die persönliche Assistentin Luigi (Aysima Ergün), die sie ähnlich barsch behandelt wie den mit einer Herzattacke kollabierenden Fahrradkurier Davide (Taner Sahintürk).

Etwas dünn und krude wird der Plot nach dieser schönen Exposition im weiteren Verlauf des Abends: auf der Jagd nach den verlorenen Geldscheinen aus ihrem „Shitstorm-Kissen“, in dem sie die Einnahmen aus ihrem zynischen Geschäftsmodell bunkert, landet sie in einem Brandenburgischen Dorf, das unter dem neuen Namen „The Valley“ ebenfalls eine lukrative Geldquelle erschlossen hat: Zwillingsbrüder (Niels Bormann und Falilou Seck) betreiben dort ein Krematorium, in dem sie zu Dumping-Preisen die Leichen des Prekariats entsorgen, das sich anderswo kein Begräbnis leisten kann.

In seiner Konzeption ist die neue Berliner Inszenierung leider nicht so stringent wie das Münchner Vorgängerstück „Jeeps“, dennoch bietet das fünfköpfige Ensemble einen unterhaltsamen, kurzweiligen Abend. Wie üblich führte die Autorin Nora Abdel-Maksoud auch selbst Regie.

„Rabatt“ ist jedoch gelungener und weniger banal als „Operation Mindfuck“, das Yael Ronen/Dimitrij Schaad mit fast denselben Spieler*innen erarbeiteten. Peter Laudenbach brachte es in seiner SZ-Besprechung „Billiger sterben“ gut auf den Punkt: „der Abend ist eher Frontal-Comedy als Theater, aber immerhin ist es intelligente Comedy.“

Bild: Esra Rotthoff

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