Den Namen ihres Stars trägt diese Tragikomödie schon im Titel. Zu Recht. Angela Winkler, Theaterlegende an Peter Steins Schaubühne und prägende Akteurin des deutschen Autorenkinos, hat Doris Dörrie diesen Film auf den Leib geschrieben.
Leichtfüßig balanciert „Frau Winkler verlässt das Haus“ an schwer verdaulichen Themen entlang: das Altern mit all seinen negativen Begleiterscheinungen, den Schmerzen, der Einsamkeit und dem nahenden Tod, auch die Frage, ob Sterbehilfe oder eine assistierte Selbsttötung nicht eine Erlösung sein können, werden auf melancholisch-unterhaltsame Art behandelt.
Zusammengehalten werden die 115 Kinominuten von Winkler, die auch jenseits der „bitch hour“, die ihr von Pflege-Roboter Pawlowitsch (Josef Ellers) zugestanden wird, all ihren Launen freien Lauf lässt. Zusammengehalten wird der Film aber auch vom Meister der Tragikomödie, Anton Tschechow: seine „Drei Schwestern“ ziehen sich als Leitmotiv durch den Film. Dieses Stück probt Frau Winklers Film-Tochter Emi (Laura Tonke) gerade in Lübeck, während die Mutter nach einem Sturz pflegebedürftig ist und nicht mehr am Hamburger Hafen und der Elbe den Möwen hinterherblicken kann.

Deshalb springt der Pflegeroboter ein, den die junge KI-Vertrieblerin Selma (Via Jikeli aus Shermin Langhoffs Gorki-Ensemble) schließlich doch noch an die Kundin bringt. Tschechows „Drei Schwestern“ waren das letzte Stück, das die Film-Version von Frau Winkler mit ihrem Mann Bruno spielte und die lakonisch-sentimentalen Dialoge sind es auch, an denen sie sich seufzend festhält.
Die KI lernt durch Zuhören und Imitieren, zwischen Frau Winkler und ihrem Pflegeroboter entsteht tatsächlich langsam eine emotionale Bindung: neben dem Neuen Deutsche Welle-Hit „Blaue Augen“ (1980) von Ideal sind es vor allem die Tschechow-Zeilen, die sie im Wechsel rezitieren und die zu den schönsten Szenen dieses Films führen.
Die Rückblenden auf Brunos Tod geraten etwas kitschig, aber insgesamt gelingt der Regisseurin/Drehbuchautorin Dörrie und ihrer Protagonistin Winkler eine warmherzige, sehenswerte Tragikomödie über das Altern der Boomer, die in der nahen Zukunft 2030 angesiedelt ist.
Die arte/BR/NDR-Koproduktion hatte am 27. September 2026 beim Filmfest Zürich Premiere, einen Tag später lief „Frau Winkler verlässt das Haus“ beim Filmfest Hamburg, wo im Herbst/Winter 2025 gedreht wurde. Am 1. Oktober 2026 startete der Film in den Kinos.
Bilder: © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany, Mathias Bothor