Sichtlich erschöpft wankt das verbliebene Publikum nach Mitternacht auf den Bertolt-Brecht-Platz. Frank Castorf hat wieder mal zugeschlagen, der Langzeit-Herrscher über die Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz hat an seinem neuen Stammhaus, dem Berliner Ensemble, wieder mal einen mehr als sechsstündigen Abend hingewuchtet.
Dafür nahm er sich mit Klaus Manns Schlüsselroman „Mephisto“ einen derzeit häufig gespielten Stoff vor. Die Abrechnung mit seinem opportunistischen Schwager Gustaf Grüngens, der als Salonkommunist begann und dennoch bei den Nazis Karriere machte, elektrisiert viele Theatermacher, da sie brandaktuelle Fragen angesichts des Vormarschs der Rechtspopulisten aufwirft.
Erst im Mai gastierte Jette Steckels Inszenierung der Münchner Kammerspiele beim Theatertreffen. In den O-Ton der Roman-Vorlage montierte sie aktuelle Diskursfragmente hinein, die sich erschreckend bruchlos einfügten. Das zu demonstrieren, war Anliegen und Stärke der Münchner Inszenierung.
Natürlich schwimmt Castorf nicht mit dem Strom, das war nie seine Sache. Anknüpfungen an die politische Gegenwart wird man an diesem langen Abend vergeblich suchen. Er lässt den „Mephisto“ in der Vergangenheit, weitet seinen Blick auf die leicht zu entschlüsselnden realen Vorbilder der Roman-Figuren, die alle mit Klarnamen angesprochen werden.
Wie lässt sich beschreiben, was Castorf hier versucht? Am ehesten als historische Typenkomödie. Dem Roman-Plot kann man – für Castorf-Verhältnisse – erstaunlich gut folgen, vor allem wenn man die Steckel-Inszenierung noch in frischer Erinnerung hat. Er montiert Briefe und Tagebuch-Aufzeichnungen von Klaus Mann hinein: ein Fixpunkt ist Max Gindorffs Monolog, der die innere Zerrissenheit des homosexuellen Autors schildert, der zugleich angezogen und abgestoßen ist von der Nazi-Ästhetik.

Im Castorf-typischen Live-Video erleben wir beispielsweise einen Abend im Hause Mann, wie er gewesen sein könnte. Satirisch überzeichnet werden die Figuren. Ungewohnt ist, dass sich Castorf diesmal zurückhält und seine so geliebten, völlig ausufernden Fremdtext-Exkurse, die ins Nirgendwo mäandern, diesmal nicht einbaut. Die Bezug zur Roman-Vorlage und zum Gründgens/Mann-Kosmos bleiben stets erhalten.
Ungewöhnlich ist, dass Castorf diesmal nicht auf bewährte Schlachtrösser setzen kann, die seinen Berserker-Stil beherrschen. Kein einziger aus dem Ensemble dieses Abends hat jemals mit ihm gearbeitet. Stars wie Jens Harzer und Kathleen Morgeneyer kommen eigentlich aus einem ganz anderen Theater-Kosmos. Das zarte, feingliedrige Spiel und die Sprechkunst sind ihre Welt, wie sie z.B. in der „Antigone“-Inszenierung von Johan Simons am selben Haus demonstrierten. Wie Harzer diesen Clash der Kulturen locker-lässig auf die Schippe nimmt und die raunenden Hölderlin-Verse an einer Stelle selbstironisch anspricht, gehört zu den interessanteren Aspekten dieses Castorf-Marathons. In die Kategorie schöner Selbstironie für Insider fällt auch das inszenierte Proben-Video, bei dem sich Castorf extemporierend vergaloppiert und in fragend-leere Gesichter seines Teams blickt. Die meisten Lacher gibt es, wenn das Ensemble in frechen Anspielungen gegen den Regisseur Castorf und gegen den Hausherrn Oliver Reese austeilt. Hier lohnt es sich besonders genau hinzuhören.
Vor allem in der ersten Hälfte, die sich mehr als 2,5 Stunden zieht, hatte ich denselben Eindruck, den Simon Strauß (FAZ) und Rüdiger Schaper (Tagesspiegel) zu Papier brachten: fast „mit angezogener Handbremse“ agiere Castorf diesmal, es werde viel weniger gebrüllt, leiser gesprochen und psychologischer gespielt. Aber am Ende ist Castorf doch Castorf: die mehr als sechs Stunden sind eine Zumutung. Lohnt sich der Kraftakt? Jein. Sicher, es gibt ein paar Kabinettstückchen des hochkarätigen Ensembles. Sehenswert ist, wie sehr vor allem Morgeneyer auf die Tube drückt und bisher ungekannte Facetten präsentiert. Und bestimmt ist auch viel schönes dabei: Wenn man sich für den Theaterbetrieb interessiert, wird man seine Freude an den Sticheleien und Frotzeleien haben.
Aber zur Geisterstunde und auch am Tag danach bleibt doch die Frage, was Castorf erzählen wollte. Der Ansatz einer Typenkomödie aus zerrissenen Figuren, die mit sich und ihrer Rolle im System hadern, ist doch zu leichtgewichtig, so dass sie nicht über diese XXL-Distanz trägt.
Nachtkritikerin und Theatertreffen-Jurorin Christine Wahl warf dennoch mit Adjektiven wie „sensationell“ und „brillant“ um sich, dieses „Must-See“ wird sie sicher in der Jury zur Diskussion stellen. Ob es neun Jahre nach dem legendären Volksbühnen-Finale-„Faust“ wieder zu einer Einladung zum Theatertreffen reicht, werden wir in einigen Monaten erfahren.
„Mephisto“ hatte am 17. September 2026 im Großen Haus des Berliner Ensembles Premiere.
Bilder: Jörg Brüggemann