Wie kann diese Ehe funktionieren: Helmut Lethen, ergrauter K-Gruppen-Veteran und weiterhin dezidiert links, und seine einige Jahrzehnte jüngere Partnerin Caroline Sommerfeld, die sich der Identitären Bewegung zuwandte, leben mit ihren Kindern in Wien.
Für die dortigen Festwochen konzipierte Julian Hetzel im vergangenen Jahr die dokufiktionale Performance „Three Times Left is Right“ gemeinsam mit dem flämischen Schauspieler-Paar Josse de Pauw und Kristien de Proost. Im für die Freie Szene typischen unterspannten Plauderton skizziert das Duo einige Alltagsszenen, wie es im Haus Lethen/Sommerfeld ablaufen könnte.
Der Ansatz ist durchaus interessant, den gedanklichen Weg ihrer Figur von einer links-libertären Position in die identitäre Gedankenwelt entwickelt de Proost nachvollziehbar. Sie fühlt sich in ihrer Meinungsfreiheit zunehmend eingeengt und steigert sich beim Anblick migrantischer Männer auf dem Spielplatz in Panik vor dem „Großen Austausch“ und dem Verlust von Freiheitsräumen hinein.
Die minutenlange Parodie auf Triggerwarnungen als Intro und dieses verbale Geplänkel, das ironisch den Stil eines well-made-play aufgreift, entwickeln sich ganz unterhaltsam. Statt den Dissens mit dem nötigen Tiefgang auszuloten, biegt Hetzel dann in die plattest mögliche Richtung ab. De Proost stürzt sich in einer Kannibalinnen-Szene auf den Partner und weidet Innereien des alten, linken Mannes aus. Schon zuvor ist die Konfrontation mit dem Publikum, als ein Zuschauer in der ersten Reihe ebenso penetrant wie erfolglos zum Hitlergruß aufgefordert wird, schon grenzwertig platt.

Der kurze Abend mündet darin, dass das Publikum zu Wurst mit Ketchup und Senf, Freibier und zünftiger Blasmusik auf die Bühne gebeten wird: mit solchen Aktionen versuchte die damalige Bundesregierung bekanntlich schon vergeblich, die Impfquote in der Corona-Pandemie zu steigern.
Ist diese Koproduktion der Wiener Festwochen mit der Residenz des Schauspiel Leipzig wirklich bemerkenswert? Der Wiener Theatertreffen-Juror schüttelte in einem Nachtkritik-Zwischenbericht im vergangenen Jahr den Kopf und fand „Three Times Left is Right“ zu platt. Sein Leipziger Kollege Vincent Koch war jedoch elektrisiert und berichtete im Jury-Votum von „schwitzenden Händen“, mit denen er diesen Abend kurz danach verfolgte.
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen: Bei einem Theatertreffen, das in Kasperletheater wie Sebastian Hartmanns „Der Hauptmann von Köpenick“ versank oder ganz selbstreferentiell im Retro-Look badete wie Pinar Karabuluts „Il Gattopardo“, stellten sich Hetzel und sein Team immerhin spannende Fragen. Auch der frisch-unbekümmerte Stil, mit dem sie das angehen, ist nett anzusehen, ihm fehlt allerdings die Doppelbödigkeit, mit der erfahrenere Freie Szene-Gruppen ihre Diskursschleifen ziehen. Diese spannenden Ansätze konterkariert Hetzel dann aber dadurch, dass er sich kopfüber ins Kunstblut-Trash-Theater stürzt.
„Three Times Left is Right“ hatte am 17. Mai 2025 im MuseumsQuartier Wien Premiere und läuft nun ein Jahr später in der 10er-Auswahl des Theatertreffens vom 15.- 17. Mai 2026 im HAU 1 in Berlin.
Bilder: Nurith Wagner-Strauss