Über weite Strecken wirkt „Coward“, der dritte Film des belgischen Regisseurs Lucas Dhont, wie ein konventionelles Historiendrama. Das Elend in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, die Männlichkeitsrituale und das qualvolle Sterben werden nicht ausgespart. Sie sind aber hier nur Hintergrundfolie und Kontrapunkt zu dem, was den Film eigentlich ausmacht.
Dhont kann wie kaum ein anderer zeitgenössischer Regisseur die zärtliche Annäherung von zwei Menschen unter widrigsten Bedingungen schildern: der extrovertiert-flamboyane Francis (Valentin Campagne) und der schüchterne Pierre (Debütant Emmanuel Macchia) treffen an der Front aufeinander. Der eine versucht möglichst unauffällig mitzulaufen und zu überleben, der andere hat die Travestie-Gruppe des Heeres für sich entdeckt. Mit lasziven Einlagen und Songs soll er die Truppe bei Laune halten.
Ganz langsam kommen sie sich näher, scheue Blicke und Gesten: mitten im Krieg finden die beiden einen Schutzraum. Das Drehbuch von Dhont und Co-Autor Angelo Tijssens und die Kamera von Frank Van den Eeden geben den beiden sehr viel Raum und Zeit.
Bei der Premiere im Wettbewerb von Cannes wurde das Newcomer-Duo Macchia/Campagne mit dem Preis für die besten Darsteller ausgezeichnet. Eine verdiente Auszeichnung: beide tragen diesen Film und sorgen dafür, dass die Transformation vom Historien-Film zum berührenden Drama gelingt.
Beide Hauptdarsteller brachte Regisseur Dhont auch zur gestrigen Deutschland-Premiere beim Filmfest Hamburg mit, das den 35 Jahre jungen, schon etablierten Regisseur als „Filmmaker in Fokus“ ehrt und auch seine beiden früheren Werke „Girl“ (2018) und „Close“ (2022) noch einmal präsentiert.
Der deutsche Kinostart ist für Silvester 2026 geplant.
Bild: Aline Boyen/The Reunion