Girl

So viel Unterstützung kann sich jede Teenagerin/jeder Teenager in einer ähnlichen Situation nur wünschen. Die 15jährige Lara ist Trans*. Rein körperlich wird sie noch als Junge gelesen, ihre Hormonbehandlung geht stufenweise voran. Sie sehnt sich danach, endlich als Frau wahrgenommen zu werden. Ihr Vater ist äußerst verständnisvoll, die Ärztin und der Psychologe sind einfühlsam und zugewandt. Selbst die Mitschüler*innen sind bis auf eine Mobbing-Szene erstaunlich human.

Für Lara könnte die Welt trotz ihrer herausfordernden Situation also ganz in Ordnung sein. Dennoch leuchten ihre Augen während der 105 Film-Minuten von „Girl“ immer seltener, Melancholie und Verzweiflung lasten schwer auf ihr. „Girl“ ist das sensibel erzählte Porträt einer Selbstkasteiung.

Die Fortschritte bei der Geschlechtsumwandlung gehen Lara viel zu langsam. Sie kapselt sich von ihrem Vater ab (die Mutter bleibt während des gesamten Films eine Leerstelle), reagiert zunehmend aggressiv auf ihren kleinen Bruder Milo, verliert deutlich an Gewicht und quält vor allem sich selbst. Immer wieder zeigt die Kamera (Frank van den Eeden) in Großaufnahme, wie sie sich die verhassten Geschlechtsmerkmale schmerzhaft mit Klebeband abklebt. Unter zusätzlichem Druck steht Lara, da sie von einer Karriere als Ballerina träumt. Sie kämpft um die Aufnahme an einer Elite-Akademie, beißt mit blutigen Zehen und Füßen die Zähne zusammen und will bei der Choreographie, die Sidi Larbi Cherkaoui entwarf, unbedingt dabei sein.

Körper und Seele leiden aber so sehr unter den Strapazen, dass sie das Tanzen schließlich aufgeben muss. Nach dem kurzen Hoffnungsschimmer eines vorsichtigen Flirts mit dem Nachbarsjungen ist Lara schließlich so verzweifelt, dass sie mit dem Rücken zur Kamera mit einer großen Küchenschere selbst Hand anlegen und sich kastrieren will. Der Film endet nach den Szenen in der Notaufnahme mit einem optimistischen Schlussbild: einer jungen Frau, die selbstbewusst und mit großer Selbstverständlichkeit durch den Großstadt-Alltag geht.

„Girl“ ist ein bewegendes Trans*-Drama und war einer der Überraschungshits der Sektion „Un certain regard“ in Cannes 2018. Victor Polster, der auch eine klassische Ausbildung an der Royal Ballet School in Anvers erhielt, wurde für sein Spielfilm-Debüt in der Hauptrolle der Lara als bester Schauspieler ausgezeichnet. Regisseur und Drehbuchautor Lukas Dhont konnte für sein Erstlings-Werk nicht nur die „Queer Palm“, das Pendant zum Berlinale-Teddy, mit nach Hause nehmen. Belgien schickt den Film, der am 18. Oktober 2018 in den deutschen Kinos starten wird, auch ins Oscar-Rennen.

Bild 1: (c) Menuet, Bild 2: (c) Kris-Dewitte

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