Friedlicher Dialog zwischen den Religionen und extremistische Videos
Auf der Bühne geht es wesentlich harmonischer zu, als der Titel „Glaubenskämpfer“ vermuten ließe. Regisseur Nuran David Calis hat Vertreter von Christentum (die Nonne Johanna Domek), Islam (Ayfer Sentürk Demir, Kutlu Yurvetsen und Ismet Büyük, die alle schon in seinem Stück „Die Lücke“ über das NSU-Attentat auf der Kölner Keupstraße dabei waren) und Judentum (Avraham Applestein) versammelt.
Sie stellen sich den neugierigen Fragen der Kölner Ensemble-Mitglieder, vor allem Annika Schilling und Simon Kirsch haben hier das Heft in der Hand. Wohltemperiert machen sie sich auf „eine Religionssuche zwischen Kloster, Moschee und Synagoge“, wie der Untertitel verspricht.
Von klassischen Theaterinszenierungen ist dieser Abend weit entfernt. Wie die taz schrieb, mutet er wie eine „Mischung aus Privatdiskussion und religions-wissenschaftlichem Proseminar“ an. Der didaktisch erhobene Zeigefinger bleibt nicht aus.
Mehr Würze bekommt der zweistündige Abend im letzten Drittel: Dominic Schmitz erzählt, wie er als Jugendlicher in Mönchengladbach auf der Suche nach Anerkennung und Geborgenheit in die salafistische Szene geriet, aus der er mittlerweile wieder ausstieg. Mohamed Achour aus dem Kölner Schauspiel-Ensemble tobt auf der Bühne: 24 Jahre lang habe er sich als Deutscher und vollständig akzeptiert gefühlt. Er ist hier geboren, seine Eltern stammen aus Syrien. Erst an der Schauspielschule und bei den Theaterproben habe er immer wieder erlebt, wie er durch seinen Migrationshintergrund in eine Sonderrolle hineingedrängt wurde.
Richtig kämpferisch wird der Abend dann auch noch durch vier Video-Einspieler: Zwei auf den ersten Blick sympathische junge Frauen sehen sich mitten im Kampf zur Rettung des Abendlands. Vor allem nach der Kölner Silvesternacht misstrauen sie den Flüchtlingen und allen Fremden, gegen die nun mobilisiert werden müsse. Hasspropaganda des Salafisten Bernhard Falk wird eingespielt. Besonders eindrucksvoll ist die suggestive Kraft eines erschreckend gut gemachten IS-Videos, das zum Kampf gegen die Ungläubigen auffordert.
Diese Einspieler münden in einen Streit: Die Muslime von der Keupstraße werfen ihren Gesprächspartnern vor, dass diese Zerrbilder vom Islam in den Köpfen dominierten und das Zusammenleben der Religionen heute wesentlich konfliktbeladener sei als noch vor einigen Jahrzehnten: damals habe der Domprobst den Ostflügel des Kölner Doms ganz selbstverständlich für das Ramadan-Fastenbrechen geöffnet.
Der Abend endet ratlos mit betretenem Schweigen und lässt viele aufgeworfene Fragen offen, die in unserer Gesellschaft dringend diskutiert werden müssen.
„Glaubenskämpfer“ wurde an 27. Februar 2016 im Depot 1 des Schauspiels Köln uraufgeführt und war am 21. Juni 2016 zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen.
Bildrechte: David Baltzer
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