Mittsommernachts-Traumspiel vor Schloss Neuhardenberg

Wer sich bei strömendem Regen an den obligatorischen Berliner Dauerbaustellen rund um Schloßplatz und Alexanderplatz, an den ausgesucht hässlichen Plattenbauwüsten Marzahns und dem eigenwilligen Industriegebiets-Charme von Peripheriegemeinden wie Eggersdorf auf der B1 Richtung Osten gequält hatte, glaubte sich nach all der Tristesse in einer anderen Realität, die Leonardo di Caprio und seine Gang aus Christopher Nolans "Inception" eingepflanzt zu haben schienen:

Wenige Kilometer von der Transitstraße Richtung Polen entfernt erreicht man über eine typisch Brandenburgische Allee das Schloss Neuhardenberg, das seine Besucher bei strahlendem Sonnenschein begrüßte. Der politikinteressierten Öffentlichkeit sind die Bilder eines harmonischen Sommerausflugs von Schröders Kabinett in Erinnerung: Die große Tafel im Schlosspark als Kabinettstisch, Franz Müntefering, wie er im Plausch mit den beiden Grünen Fraktionschefinnen flanierte: In keiner Situation wirkte das vom Dauerzoff geplagte Rot-Grüne Bündnis der Jahre 1998-2005 so einig wie bei dieser Inszenierung seiner Sommeridylle.

Ähnlich unwirklich wie diese Klausurtagung erschien auch die neue Inszenierung auf der Schlossterrasse: Einer der Eigenbrötler der Regisseursszene, Armin Holz, grub Strindbergs selten gespieltes Stück "Fräulein Julie" aus. Radikal auf weniger als eine Stunde gekürzt und von allen Strängen entschlackt, die allzu sehr an die gesellschaftlichen Konventionen seiner Entstehungszeit zur letzten Jahrhundertwende gebunden schienen und an zweifelhafte Ideologien wie den damaligen Sozialdarwinismus erinnerten, ließ der Regisseur seine beiden Diven Sibylle Cannonica und Libgart Schwarz in einem assoziativen Reigen über die Freiluftbühne tänzeln, schweben, mit Sylvester Groth schäkern und albern.

Zu Gitarrenklängen führen die drei Figuren kurze Szenenfolgen zwischen Traum und Wirklichkeit, Liebessehnsucht, Verrat und Scheitern in skandinavischen Mittsommernächten auf: Motive werden wie Zeichnungen hingetuscht oder kurz angerissen. Stimmungen sind dem Regisseur wichtiger als eine problemlos zu konsumierende Handlungsfolge.

Der ideale Abschluss eines sommerlichen Ausflugs von Berlin in das Oderbruch gelingt, wenn man im Navi für den Rückweg eine Alternativroute wählt: Kilometerlange Alleen, auf denen minutenlang niemand entgegenkommt, holprige Kopfsteinpflaster in Dörfern wie Ihlow im Nirgendwo, dazu Nebelschwaden mitten im August, da der Regen mittlerweile auch diese Region erreicht hat. Bis man dann spätestens beim Anblick der ersten Plattenbauten von Ahrensfelde und Marzahn in der Berliner Realität ankommt.

Weitere Informationen und Termine

Das Schloss Neuhardenberg

Kritikenrundschau auf Nachtkritik

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