Suhrkamp feiert am Wannsee

Am letzten Samstag im August präsentiert sich traditionell ein Verlag mit seinen Autoren und seinem Programm in der Villa des Literarischen Colloquiums am Wannsee. Obwohl die Regenschauer dieses Spätsommers nicht gerade dazu einluden, war der Publikumsansdrang noch größer als in vergangenen Jahren: Mit Suhrkamp stand dieses Jahr ein Haus im Mittelpunkt, das die Debatten der Republik in den 60 Jahren seines Bestehens wesentlich prägte und mit seinen Publikationen intellektuell wie ästhetisch Zeichen setzte.

Nach der Eröffnungsrede durch die umstrittene Erbin der großen Tradition, Ulla Unseld-Berkéwicz, sollte der Romanautor und FAZ-Feuilletonist Dietmar Dath mit Gregor Gysi über seine schillernden, kapitalismuskritischen Romane diskutieren. Wegen der Unwetter im Westen blieb Daths Platz in der Rotunde am See jedoch leer und Gregor Gysi funktionierte diesen Programmpunkt zur One-Man-Show um. Die Fragen, die er für seinen Gesprächspartner im Stil seiner regelmäßigen Matineen am Deutschen Theater "Gregor Gysi trifft Zeitgenossen" vorbereitet hatte, las er nun trotzdem von den Karteikarten und unterhielt die Zuhörer mit seinen Anekdoten. Einiges kannte man schon, z.B. die Geschichte, wie er im Bundestag durch eine Rede zu Schröders Steuerreform SPD-Hinterbänkler verunsicherte. Der obligatorische Seitenhieb gegen die vom Herbst-Desaster nur teilweise genesenen Genossen aus dem Willy-Brandt-Haus, die seine Partei erst stark gemacht hätten, blieb natürlich auch nicht aus. Als Medizin gegen die sinkende Wahlbeteiligung regte er schließlich noch einige Reformen des Wahlrechts an: Auch bei den Bundestagswahlen sollten die Wähler innerhalb der Parteilisten ihre Favouriten durch Kumulieren oder Panaschieren stärken können. Außerdem sollten parallel bundesweite Volksentscheide zu wesentlichen Sachfragen abgehalten werden, die nach Gysis Vorschlag für die Regierung in den nächsten vier Jahren bindend sein sollten.

Wesentlich ruhiger ging es oben auf der Terrasse bei Raimund Fellingers Streifzug durch die Verlagsgeschichte zu, der als Cheflektor in seiner zitatreichen Eloge vor allem das Wirken von Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld würdigte.

Ein besonderer Leckerbissen dieses Sommerfestes war die Lesung von Stephan Thome aus seinem überraschenden Erfolgsdebüt Grenzgang. Dieser Roman über scheiternde Träume eines aus Berlin nach Mittelhessen zurückgekehrten Unidozenten und eine Alleinerziehende wurde von den Feuilletons bei seinem Erscheinen im Herbst 2009 sehr positiv aufgenommen und sorgte an diesem Nachmittag auch für einen voll besetzten Saal. Sehr genau schildert der Autor, der mittlerweile in Taipeh lebt, die Beziehungskonstallationen und ihre Veränderungen beim alle sieben Jahre stattfindenden Volksfest "Grenzgang" in seiner früheren hessischen Heimat.

Das Literarische Colloquium Berlin

Der Suhrkamp-Verlag

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