Matthes, Finzi, Klaußner: Vortragskunst beim ilb

Das Literaturfestival geht langsam in die zweite Halbzeit und wartete am Dienstag mit einigen Publikumsmagneten auf, die für proppenvolle Veranstaltungen sorgten.

Im Oberen Foyer mussten noch weitere Stühle herangeschafft werden, so dass die beiden Schauspieler Ulrich Matthes (Ensemble-Mitglied im Deutschen Theater und bekannt aus vielen Kino-Rollen) und Volker Bruch (einer der jungen Soldaten im ZDF-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter) mit 20 Minuten Verspätung aus der neu erschienenen Historisch-Kritischen Ausgabe von Ernst Jüngers umstrittenem Roman In Stahlgewittern lesen konnten.

Helmuth Kiesel, der Herausgeber der neuen Ausgabe, beleuchtete in seiner fachkundigen Einführung den historischen Kontext, in dem die Urfassung des Romans 1920 erschien: Ernst Jünger und viele seiner Altersgenossen zogen euphorisch in den Ersten Weltkrieg, da er ihnen als willkommene Abwechslung zu einem als langweilig empfundenen Leben und als Ausbruch aus dem Drill und der Strenge an wilhelminischen Schulen erschien. Der Krieg wird als "Rausch" beschrieben, bei dem man in "trunkener Stimmung" endlich "mitmachen dürfe".

Die Generation fand sich bald in den Stellungskämpfen der Schützengräben wieder, konfrontiert mit Schmutz, Elend und Tod. Viele Erlebnisse tat Jünger in der ersten Auflage von In Stahlgewittern mit lapidaren Sätzen ab, erst in späteren der insgesamt sieben Fassungen, an denen er bis 1978 arbeitete, kommen differenziertere Beschreibungen vor. Ab den 60er Jahren tauchte sogar der Begriff "Trauer" auf, der nicht zum (Selbst-) Bild des jungen Autors passte, der auch mal allzu gefühlvolle Tagebucheinträge, weil sie ihm peinlich waren, bis zur Unleserlichkeit durchstrich und überschrieb. Es ist die Leistung des Klett Cotta-Verlags und des Literaturarchivs Marbach, diese verschiedenen Schichten im vorliegenden Band rekonstruiert und somit neue Facetten eines der bekanntesten Kriegsromane freigelegt zu haben.

Im Anschluss durfte sich das Publikum auf die Vortragskunst der Schauspieler Samuel Finzi und Burghart Klaußner freuen. Sie lasen aus dem Briefwechsel zwischen John Coetzee und Paul Auster, wo sich die beiden Autoren über Politik (insbesondere den Nahostkonflikt), ihre Leidenschaft für Baseball und Tennis und insbesondere über ihr Verhältnis zu ihrer Muttersprache und ihre literarischen Stile und Ideen austauschten. John Coetzee, Literaturnobelpreisträger von 2003, der als besonders öffentlichkeitsscheu gilt und den Festival-Rummel üblicherweise meidet, wie Sigrid Löffler in ihrer Einführung mehrmals betonte, las auch einige Passagen selbst im englischen Original vor.

Parallel diskutierten in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Autorinnen und Autoren aus ihrer Anthologie Writing Revolution: The voices from Tunis to Damascus, die mit dem britischen PEN-Preis ausgezeichnet wurde. Das politisch engagierte Profil des Festivals zeigte sich auch bei der Podiumsdiskussion Das System Putin – Ende der Zivilgesellschaft?, wo Herta Müller mit Vertretern der russischen Opposition diskutierte, bevor das Kammerorchester Kremerata Baltica spielte.

Das internationale literaturfestival berlin

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