„Jungfrau von Orleans“: Verkopfte Schiller-Inszenierung

Die Dramaturgin Sonja Anders hat bei ihrer Einführung vorgewarnt: Michael Thalheimers Inszenierung von Schillers Spätwerk Jungfrau von Orleans wird ein anstrengender Abend. In 20 Minuten schüttete sie ein Füllhorn von Informationen, Einordnungen und Querverweisen über den Zuhörern aus. Als Schiller 1800 dieses Kriegsdrama schrieb, trieb ihn das Scheitern der Französischen Revolution um. An die Stelle der Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit trat Napoleon, der sich zum Kaiser krönen ließ. Außerdem ging es Schiller um eine Auseinandersetzung mit Kants Philosophie und um den Widerstreit zwischen Gefühl und Vernunft. Diese verschiedenen Stränge und Themen sind in ein komplexes Drama eingebettet, das ohne Striche ca. 6 Stunden dauern würde und auf der Biographie der Jeanne d´Arc im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich beruht.

Sowohl Schiller als auch das Regieteam wälzten tiefschürfende Gedanken, dennoch kam kein runder Abend zustande. Viele Buhs übertönten die vereinzelten Bravo-Rufe, als der Regisseur nach der Premiere auf die Bühne kam.

Mehr als zwei Stunden stand die Hauptfigur (Kathleen Morgeneyer) in einem bedauernswerten Kraftakt im grellen Scheinwerferlicht am Bühnenrand. Ihre englischen Gegner und die Mitglieder des französischen Königshauses (Christoph Franken als weinerliches, herumkugelndes Riesenbaby in der Rolle von Karl VII., Meike Droste als seine Geliebte und Almut Zilcher als seine geheimnisvoll-hexenartige Mutter) hielten sich meist im Halbschatten.

Das größte Manko der Inszenierung: Schillers Verse wurden in einem Hörspiel ohne Dynamik vorgetragen, manche Schauspieler brüllten in ihrem Kriegseifer so sehr, dass die einzelnen Silben nicht zu verstehen waren. 

Johanna von Orleans: Weitere Informationen und Termine 

Erstaufführung bei den Salzburger Festspielen im Juli 2013, Berlin-Premiere am 27.9.2013 

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