„Kasimir und Karoline“ an der Schaubühne: Ödön von Horváths melancholisches Stück über durchökonomisierte Beziehungen

Minimalistisches Bühnenbild, eine schwarze Wand, darauf projizierte Regieanweisungen, ansonsten noch ein paar Bierflaschen: das ist die unwirtliche Welt von Kasimir und Karoline in Jan Philipp Glogers Schaubühnen-Inszenierung. Ödön von Horváths Volksstück über ein Paar, dem zuerst die ökonomische Existenz unter den Füßen weggezogen wird, bevor auch ihre private Beziehung zerbricht, wirft einen scharfen Blick auf die Weimarer Republik, die in der Weltwirtschaftskrise den moralischen Kompas verlor und ihrem Ende entgegen taumelte.

Das Stück ist aber mehr als nur eine hellsichtige zeitgeschichtliche Reflexion, sondern legt den Finger in eine Wunde, die kaum jemand so treffend analysiert hat wie die israelische Soziologin Eva Ilouz: Kasimir und Karoline versuchen zwar, sich aneinander und am Strohhalm ihrer Liebe festzuklammern. Sie müssen sich aber eingestehen, dass ihre Beziehung weniger auf romantischen Gefühlen als auf ökonomischem und zweckrationalem Kalkül beruht. Als Kasimirs Stelle abgebaut ist, ist sein Selbstwertgefühl angeknackst und Karoline sehr schnell bereit, sich auf die schmierigen Avancen gutsituierter Männer einzulassen.

Während Kasimir in seiner von Moritz Gottwald glänzend gespielten Mischung aus verletztem Stolz und Trotz von den beiden gewalttätigen Kettenrauchern Franz und Erna Merkl (Sebastian Schwarz und Iris Becher) in ihre kriminellen Deals verwickelt wird, versucht Karoline (Jenny König), den erotischen Marktwert ihres Körpers in gesellschaftlichen Aufstieg umzumünzen.

Jan Philipp Gloger gehört zwar noch nicht zu den großen Namen in der Regie-Szene und war auch in Berlin erst selten zu erleben, aber seine Kasimir und Karoline-Inszenierung ist überzeugender als einige andere Neuinszenierungen von bekannteren Namen in dieser noch jungen Spielzeit. Das liegt vor allem an den überzeugenden Schauspielern, die eine gute Balance zwischen der Melancholie und Gebrochenheit ihrer Figuren und komischen Momenten finden.

Unter dem Strich bleibt eine unterhaltsame und nachdenklich stimmende Aufführung, die das Publikum mit Karolines resigniertem Seufzer Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen in die Nacht entlässt.

Kasimir und Karoline von Jan Philipp Gloger. – 90 Minuten. – Premiere an der Schaubühne: 6. November 2014

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