Holozän

Mit einer elegischen Geduldsprobe in dräuenden Nebelschwaden startet das Deutsche Theater Berlin in die neue Spielzeit. Der Schweizer Regisseur Thom Luz, der nach einer ersten Einladung zum Theatertreffen („Atlas der abgelegnen Inseln“, 2015) Hausautor des Theaters Basel ist, wurde gebeten, Max Frischs Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ zu adaptieren.

Als er diesen kleinen Text 1979 schrieb, war Max Frisch bereits ein fest etablierter Schullektüre-Klassiker („Andorra“, „Biedermann und die Brandstifter“) und gefeierter Roman-Autor („Homo Faber“, „Stiller“). „Der Mensch erscheint im Holozän“ wurde damals in den hiesigen Feuilletons allerdings überwiegend als uninteressantes Alterswerk abgetan, nur in den USA wurde der Text bejubelt.

Das mag vor allem daran liegen, dass die Erzählung sehr sperrig ist: im Zentrum steht Herr Geiser, der von der Wekt abgeschieden in einem Tessiner Bergdorf lebt. Fast manisch sammelt er Wissens-Bruchstücke und tapeziert seine ganze Umgebung damit. Ein Unwetter bringt den Berg ins Rutschen und auch sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide: die Demenz raubt ihm sein Gedächtnis. Das rechte Augenlid ist nach einem Schlaganfall gelähmt.

Die Hauptfigur ist an ein reales Vorbild angelehnt: Armand Schulthess, der sein Wald-Grundstück zu einer „Bibliothek des Wissens“ umgestaltete. Seine Erben ließen fast alles nach dem Tod ihres „kranken Verwandten“ vernichten. Die wenigen Täfelchen, die übrig blieben, stellte Harald Szemann auf der Documenta 5 aus. Auch wenn Frisch dies vehement abstritt, trägt sein Geiser auch deutliche autobiographische Züge.

Luz lässt sich von den Motiven und der Grundstimmung zu einem sehr musikalischen Abend inspirieren. Kompositionen von Beethoven, Bartók und Bach rahmen die kurzen Text-Fetzen ein, die das Ensemble spricht; dazwischen tragen sie auch Volkslieder aus dem Tessin vor. Eingezwängt zwischen den Klavieren sind sie vor den kalkweißen Wänden und im dichten Nebel meist nur in Konturen zu erkennen. Ganz vorne in der Rampe steht Ulrich Matthes – über lange Strecken des Abends dreht er uns wort- und regungslos den Rücken zu.

„Der Mensch erscheint im Holozän“ ist ein sehr stiller Abend, der aber seinem Publikum viel zu penetrant ins Ohr raunt: „Schau mal, wie kunstfertig das alles ist!“ Das geht auf die Dauer über 90 Minuten doch ziemlich auf die Nerven.

Bild: Arno Declair

Premiere der Ko-Produktion mit dem Theater Basel und des Deutschen Theaters Berlin am 23. September 2016. Weitere Informationen und Termine

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