24+

Der „Russische Theaterfrühling“ ist ein kleines, aber feines Festival, das mitten im grauen November anlässlich des 25. Jubiläums der Städtepartnerschaft Berlin-Moskau Gastspiele aus Russland auf Berliner Off-Theater-Bühnen präsentiert.

Besonders gespannt durfte man auf das Stück „24+“ sein: erstens wurde es im Programmheft als das „wohl meist diskutierte Stück der russischen Theater-Saison“ angekündigt, zweitens stammt es vom teatr.doc, das mit experimentellen, Putin-kritischen Stücken seit 2002 für Wirbel sorgt und immer wieder mit Schikanen des Staatsapparats zu kämpfen hat.

Michail Ugarow, künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Theaters, entwickelte mit seinem sehr jungen Ensemble und Meisterschülern der Moskauer Schule für Neues Kino einen Abend über eine „ménage à trois“. Die selbstbewusste junge Ehefrau mit den knallroten Haaren geht ihrem Anton fremd und holt sich noch den Kolja ins Bett.

Für russische Augen mag es schockierend sein, dass das Trio nacheinander die Hüllen fallen lässt und sich im großen Bett in der Bühnenmitte aneinanderkuscheklt. In einem Land, in dem sich der Präsident am liebsten als harter Kerl mit nacktem Oberkörper beim Ritt durch Sibirien oder mit einer Raubkatze ablichten lässt, ist es sicher ungewohnt, dass die Frau bestimmt, wo es lang geht und nach dem Seitensprung nicht klein beigibt, sondern sich neben ihrem Ehemann gleich noch den Lover zum Dreier dazu holt.

In langen Monologen, die während des fast zweistündigen Stücks meist frontal auf Stühlen ins Publikum gesprochen werden, verhandeln die jungen Großstädter ihre Beziehungsprobleme zwischen Experimentierfreude, Wut, Eifersucht und Scheitern. Mit russischer Simultanübersetzung und recht assoziativ nimmt dies seinen Lauf.

Am Rande wird eine Bemerkung über den Kampf für die Meinungsfreiheit eingestreut, den ein befreundeter Blogger des Trios führt. Ausführlicher sprechen die drei Hauptfiguren darüber, dass sie mit dem Leistungsdruck einer Gesellschaft, die ein „Schneller, höher, weiter“ fordert, und den propagierten Rollenbildern von Männlichkeit unzufrieden sind.

„24+“ ist ein interessanter Einblick in das aktuelle Schaffen der russischen Theaterszene, für Berliner Verhältnisse – vor allem gemessen an den Ankündigungen – doch enttäuschend konventionell geraten.

Der Russische Theaterfrühling vom 28. Oktober bis 8. November 2016

Bildrechte: Teatr.doc

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