Ich, Daniel Blake

Es ist schon beeindruckend, wie konsequent Ken Loach seiner Linie treu bleibt. Der bekennende Trotzkist und eingefleischte Thatcher- und Blair-Gegner wurde in diesem Sommer 80 Jahre alt. 2009 wurde er mit dem Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet, 2012 erhielt er den Goldenen Ehrenbären der Berlinale.

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Aber anstatt sich auf das Altenteil zurückzuziehen, dreht er unermüdlich seine vom italienischen Neorealismus geprägten britischen Sozialdramen um den Kampf der „kleinen Leute“, Arbeiter und Angestellten, die um ihr tägliches Auskommen ringen.

Auch sein neuer Film „Ich, Daniel Blake“ ist ganz in deprimierenden Grautönen gefilmt. Die Figuren sind messerscharf in Schwarz-Weiß/Gut-Böse unterteilt: Hier der knapp 60jährige Handwerker Daniel Blake (Dave Johns), der sein ganzes Leben fleißig Beiträge eingezahlt hat und nach einem Herzinfarkt auf den Sozialstaat angewiesen ist, und die alleinerziehende Mutter Katie (Hayley Squires), die sich mit zwei kleinen Kindern durchs Leben schlägt, für ihr Essen bei der Tafel anstehen muss und keinen anderen Ausweg sieht, als sich zu prostituieren. Dort die kafkaeske Jobcenter-Bürokratie, die ihre „Klienten“ mit strengen Regeln sanktioniert, stundenlang in der Warteschleife hängen lässt oder sie in sinnlosen „Maßnahmen“ parkt. Mit diesem Thema befasste sich auch Gabriel Gauchet in seinem Kurzfilm „The Mass of men“. Seine böse, sehr genaue Beobachtung der Mechanismen und Schikanen der Arbeitsagenturen-Bürokratie bekam beim interfilm-Festival 2013 sehr viel Applaus.

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So weit, so bekannt. Ken Loach macht aus diesem Stoff ein Sozialdrama, das so präzise abläuft wie ein Uhrwerk – aber eben auch so vorhersehbar. Viele Kritiker grummelten nach der Preisvergabe der Goldenen Palme, die im Mai 2016 zum zweiten Mal nach 2006 (für „The Wind that shakes the Barley“) an Ken Loach ging, dass sein Film zu holzschnittartig sei und andere Filme aus dem Wettbewerb ästhetisch interessanter und künstlerisch experimentierfreudiger seien.

Trotz dieser Mängel gelingen Ken Loach auch in diesem Alterswerk einige beeindruckende Szenen – immer dann, wenn er sich am Riemen reißt und davor zurückschreckt, die Sozialdrama-Schraube noch ein Stück weiter zu drehen. Die Härte, mit der die Figuren vom bürokratischen Apparat getriezt und schikaniert werden, lässt wohl kaum jemand kalt. Sein Film „Ich, Daniel Blake“ schickt sein Publikum mit einem bedrückten Gefühl hinaus in die Winternacht.

Wichtiger als die Goldene Palme von Cannes war für Loach vermutlich, dass ihn Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn in einer Parlamentsrede als Kronzeuge gegen die Sozialpolitik der britischen Regierung zitierte. Martina Knoben berichtete in der Süddeutschen Zeitung, dass Corbyn die Premierministerin Theresa May aufforderte, sich den Film anzusehen, um die „institutionalisierte Barbarei“ des britischen Sozialhilfesystems zu verstehen.

„Ich, Daniel Blake“ startete am 24. November 2016 in den deutschen Kinos. Webseite und Trailer

Bilder: © 2016 PROKINO Filmverleih GmbH

 

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