Balkan macht frei

Um diesen Schauspieler beneiden das Residenztheater sicher viele Häuser: Franz Pätzold  schreit und tobt mit einer unglaublichen Präsenz über die Bühne, greift spontan Einwürfe aus dem Publikum auf, tigert vor der ersten Reihe herum und rückt den Zuschauern ganz nah auf die Pelle. Pätzold geht an diesem Abend an seine Grenzen: in einer langen, schwer auszuhaltenden Szene lässt er sich von seinen Mitspielern fesseln und im Stil des Waterboarding quälen. Im anschließenden Publikumsgespräch betonte Pätzold, dass diese Szene seine Idee gewesen sei, Regisseur Oliver Frljić hatte eine harmlosere Variante im Sinn.

Die Stückentwicklung „Balkan macht frei“ ist ganz auf ihren Hauptdarsteller zugeschnitten. Ursprünglich wollte sich der kroatische Regisseur in der bayerischen Landeshauptstadt mit den Ressentiments gegen Migranten vom Balkan befassen, die von der CSU im Winter 2014 geschürt wurden. Als die Proben begannen, weitete sich der Fokus. Heraus kam ein assoziatives Gewitter, das sich im Marstall des Münchner Residenztheaters entlädt.

Die Anfangsszenen sind räumlich und zeitlich noch klar zu verorten: Pätzold spielt das Alter ego des Regisseurs Frljić, der drei aalglatten Typen gegenübersitzt, die ihn von oben herab behandeln und gönnerhaft als Balkan-Exoten und bunten Farbtupfer für ihr Theater engagieren wollen.

BALKAN MACHT FREI/Residenztheater

Pätzold bleibt wortkarg in der Defensive, bis er mit Worten und seiner Schreckschusspistole um sich schießt und das Theter-Establishment von „Resi“-Intendant Martin Kusej, Rainer Werner Fassbinder, René Pollesch bis Frank Castorf (in dessen „Baal“ Pätzold ebenfalls mitspielte) niedermäht.

Danach nimmt er sich das Publikum vor. Offensichtlich handelt es sich bei dieser Wut-Suada um eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Pätzold greift auch die Willkommenskultur am Münchner Hauptbahnhof wenige Kilometer weiter und den Dauerstreit zwischen Merkel und Seehofer auf -Ereignisse, die erst nach der Premiere im Frühsommer 2015 stattfanden. Schlagfertig kontert er auch die motzenden Zwischenrufe einer Zuschauerin, dass er doch nur eine billige Kopie von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ biete.

Je länger der knapp 90minütige Abend geht, desto wilder und wahlloser schlägt die Inszenierung um sich. Nach den präzisen Anfangsszenen drohen sich Oliver Frljić und sein vierköpfiges Ensemble in einem Rundumschlag zu verzetteln.

Trotz dieser Schwäche ist „Balkan macht frei“ wesentlich sehenswerter als die Folge-Inszenierung „Unsere Gewalt – eure Gewalt“, in der Frljić nur platt mit dem Holzhammer drosch und auch keinen Schauspieler vom Kaliber eines Franz Pätzold zur Verfügung hatte.

„Balkan macht frei“ wurde am 25. Mai 2015 im Marstall des Münchner Residenztheaters uraufgeführt und am 19. Dezember 2016 zum 25. Mal gespielt. Weitere Informationen und Termine

Bilder: Konrad Fersterer

 

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