Einfach das Ende der Welt

Die traurige Wahrheit des Films „Einfach das Ende der Welt“ von Xavier Dolan wird schon im Titelsong ausgesprochen: „Home is where it hurts“ singt Camille, während wir die Louis (Gaspard Ulliel) dabei zusehen, wie er nach zwöf Jahren zum ersten Mal aus der Großstadt zu seiner Familie zurückkehrt.

Dort erwartet ihn ein dysfunktionales, neurotisches Häufchen, das sich gegenseitig unterbricht, Beleidigungen an den Kopf wirft und am liebsten vor sich hin brabbelt, weil es die Stille und die unter den Teppich gekehrten Geheimnisse zu bedrohlich findet.

Diese nikotinsüchtige, kommunikationsgestörte Grusel-Sippe wird von einem eindrucksvollen Starensemble des französischen Kinos gespielt: Nathalie Baye als hysterische Glucke, viel zu stark geschminkt und ständig Anekdoten aus vermeintlich glücklicheren Tagen wiederkäuend; Vincent Cassel spielt den Bruder von Louis als wortkargen, aggressiv-unberechenbaren Mechaniker ; Marion Cotillard ist dessen eingeschüchterte Frau, die als einzige spürt, was Louis seiner Familie die ganze Zeit sagen möchte; Léa Seydoux spielt das zugedröhnte Nesthäkchen, das wie alle übrigen Familienmitglieder ihre Phantasien auf den überraschend heimgekehrten „verlorenen Sohn“ projiziert.

Regisseur und Drehbuchautor Xavier Dolan lässt inmitten dieses Gestammels und des Wortschwalls aus Platitüden vor allem die Blicke seiner Schauspielstars sprechen: in Großaufnahmen erzählen sie von den Ängsten und der Verzweiflung ihrer Figuren.

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Er unterlegt die Szenen wieder mit einem erlesenen Soundtrack aus Pop und Chanson, dennoch handelt es sich bei „Einfach das Ende der Welt (Original: Juste la fin du monde“) um einen untypischen Dolan-Film. Beklemmend, melancholisch und zutiefst pessimistisch enden diese 95 Kino-Minuten. Auf „kleine fantastische Eskapaden“ (Tagesspiegel), mit denen er seine früheren Filme auflockerte, warten wir diesmal fast vergeblich. Es gibt nur eine kurze, schräge Aerobic-Einlage der beiden französischen Diven Seydoux und Baye, die zum furchtbaren Ohrwurm „Dragostea Din Tei“ linkisch zappeln. Xavier Dolan wird im Presseheft des Weltkino-Verleihs mit dem Satz zitiert, dass „Einfach das Ende der Welt“ sein erster Film „als Mann“ sei.

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Der neue Film des frankokanadischen Regisseurs, der mit 28 Jahren auf eine steile Karriere beeindruckender Filme zurückblicken kann, basiert wie schon „Sag nicht, wer Du bist“ wieder auf einem Theaterstück: Jean-Luc Lagarce schrieb das Drama über einen HIV-positiven Dramatiker, der zu seiner Familie zurückkehrt, Anfang der 1990er Jahre während eines Aufenthalts in Berlin. Kurz danach starb er mit nur 38 Jahren an AIDS. Sein Text avancierte jedoch in Frankreich zur Schullektüre und zu einem häufig gespielten Stück, während es in Deutschland seit der Erstaufführung 2001 in Bremen kaum noch präsent war.

„Einfach das Ende der Welt“ hatte bei den Filmfestspielen in Cannes 2016 seine Premiere und teilte sich dort mit „American Honey“ den Großen Preis der Jury. Seine Berlin-Premiere hatte der Film zum Abschluss des „Around the World in 14 films“-Festivals im Dezember 2016 in der Kulturbrauerei. Der Film startete am 29. Dezember in den deutschen Kinos.

Trailer und Webseite

Bilder: © Shayne Laverdière, Sons of Manual

 

 

 

 

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