Die Taschendiebin

Der Wettbewerb von Cannes 2016 war geprägt von Filmen, die das übliche Kinolängen-Format von 90 bis 120 Minuten deutlich sprengten: neben „Toni Erdmann“, „American Honey“ und „Sieranevada“ fällt auch der südkoreanische Beitrag „Die Taschendiebin“ (im Original: Ah-gas-si) mit seinen stolzen 145 Minuten in diese Kategorie.

Aber es lohnt sich, Geduld und Sitzfleisch zu investieren. Die erste Überraschung des Films ist, dass „Die Taschendiebin“ auf den ersten Blick wie ein klassischer Kostümfilm wirkt – und das ausgerechnet vom Regisseur Park Chan Wook, der durch seine Rache-Trilogie („Sympathy for Mr. Vengeance“, „Oldboy“ und „Lady Vengeance“) aus dem Jahren 2002-2005 berühmt wurde. Als „Oldboy“ in Cannes 2004 den Großen Preis der Jury gewann, waren viele Zuschauer von der Brutalität dieses Werks schockiert. Kritiken bezeichneten ihn als „Ekelmelodram“, „Gewaltoper“ und „albtraumhafte Geschichte, die von Vergeltung, Seelenqualen, Selbstverstümmelung, Inzest, Suizid und Verdammnis handelt“, hoben aber hervor, dass es ein „Meilenstein“ des Kinos sei (Süddeutsche Zeitung) und man „lebendigeres Kino“ kaum erleben könne (SPIEGEL).

Ganz anders beginnt „Die Taschendiebin“: Park Chan Wook nimmt den Zuschauer mit in ein prachtvolles Haus im japanisch besetzten Korea der 1930er Jahre. Langsam wandert die Kamera an den prachtvollen Dekors und der üppig ausgestatteten Bibliothek entlang. Es deutet sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Fräulein Hideko, der Nichte des Hausherrn, ( Kim Min-hee) und ihrer Zofe Sookee (Kim Tae-ri) an.

Wer nun ein gemütlich vor sich hinplätscherndes, geschmackvolles Historien-Melodram erwartet, ging dem Regisseur Park Chan Wook auf den Leim. Raffiniert wechselt er Erzählperspektiven, plot twists und Doppelbödigkeiten. Es ist ein großes Kino-Vergnügen, diesem südkoreanischen Meister des Regiefachs dabei zuzusehen, wie er mit den Erwartungen des Publikums spielt und immer wieder einen überraschenden Haken schlägt.

„Die Taschendiebin“ ist ein spannender, kammerspielartiger Thriller über die großen Themen Liebe, Lüge und Verrat. Ein starker Auftakt des Kino-Jahres: „Klug, komplex, vielschichtig“, wie Die ZEIT zurecht lobte. Passend dazu ist die Schlange, die den Eingang zur Bibliothek bewacht, ein Leitmotiv dieses Films.

Dass dieser Film dennoch polarisiert, liegt an den recht expliziten lesbischen Sexszenen der beiden Hauptdarstellerinnen. Die kino-zeit.de-Rezensentin kritisierte sie als „eindeutige, lang ausgewälzte, für Männer inszenierte Masturbationsfantasien. Sie sind hier ein Extra, ein geiler Schauwert, der gut aussieht, aber in dieser Art nicht nötig gewesen wäre, um die Geschichte voranzutreiben.“ Auch critic.de meint, dass diese Szenen dem Film nicht gut tun: “ Je reduzierter Park die Inszenierung anlegt, desto schlagender ist sie.“

Die Affäre zwischen den beiden Hauptdarstellerinnen ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Handlung, die vom Roman „Fingersmith“ (auf Deutsch: „Solange du lügst“) von Sarah Waters inspiriert ist, aber aus dem viktorianischen England ins Korea der 1930er Jahre verlegt wurde. Wenn der Regisseur diese Szenen etwas dezenter gefilmt hätte, hätte dies seinem Film gut getan, der aber auch trotz dieses Mankos ein beeindruckender, raffiniert gebauter Psychothriller ist, der erst auf der Zielgeraden die von Park Chan Wook gewohnte Brutalität andeutet.

„Die Taschendiebin“ startete am 5. Januar 2017 in einigen Programmkinos.

Poster: Koch Media Verleih

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