Das Fest

Thomas Vinterbergs „Festen“ war der Anfangs- und zugleich schon Höhepunkt der dänischen Dogma-Bewegung. Dieses Drama über den 60. Geburtstag des Familienpatriarchen Helge Klingenfeldt-Hansen, der jäh durch die Anklage seines Sohnes Christian gestört wird, dass er und seine Zwillingsschwester jahrelang vom Vater missbraucht wurde und die Mutter schweigend wegsah.

Dieser Film ist ein Meisterwerk: intensiv, mit packender Dramaturgie, zurecht 1998 mit dem Großen Preis der Jury auf dem renommiertesten A-Festival in Cannes ausgezeichnet.

Kein Wunder, dass Theaterregisseure sehr schnell begannen, diesen Filmplot auch für die Bühne zu adaptieren: schon 2000 wurde Michael Thalheimer mit seiner Dresdner Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters nahm sich jetzt Anne Lenk diesen Stoff vor. Ihr Berlin-Debüt, eine Bearbeitung von Joseph Roths Roman „Hiob“, wurde sehr kritisch aufgenommen, im zweiten Anlauf hat sie aber vieles richtig gemacht.

Das Fest

Lenk und ihr Dramaturg David Heiligers setzen das Publikum mitten ins Geschehen dieser zwar perfekt durchgeplanten, aber völlig aus dem Ruder laufenden Familienfeier: Bei freier Platzwahl kann man beispielsweise direkt neben Katharina Matz und Jürgen Huth, die als Großeltern milde über den Trubel lächeln, sitzen. Dieses Konzept, hautnah dabei zu sein, wurde zuletzt schon mehrfach in diesem Haus ausprobiert, z.B. bei „Väter und Söhne“ und „Untergang des Egoisten Fatzer“, passte aber noch nie so gut wie bei diesem Kammerspiel über eine Familie, die sich auf engstem Raum versammelt hat und den unter den Teppich gekehrten Wahrheiten nicht länger ausweichen kann.

Die zweite glückliche Entscheidung dieses sehenswerten Abends war, dass Lenk/Heiligers an ihrer Fassung trotz einiger Freiheiten (vor allem im ersten Teil) ziemlich nah am Original bleiben.

Hierin unterscheiden sie sich deutlich von der letzten „Das Fest“-Inszenierung, die in Berlin zu sehen war, nämlich Christopher Rüpings Stuttgarter Gastspiel beim Theatertreffen 2015. Er spielte recht frei mit den Motiven und konnte als Plus seiner Inszenierung verbuchen, dass die Brutalität, mit der die Familie die von Christian ausgesprochene Wahrheit mit ihrer ausgelassenen Partylaune und flachen Witzen einfach unterpflügen will, in dem Konfetti-Trubel auf der Bühne sehr anschaulich wurde. Der Makel von Rüpings Inszenierung war, dass er die kluge Dramaturgie der Filmvorlage über den Haufen warf und leider weit hinter der Intensität des Originals zurückblieb.

An das Original reicht auch diese Adaption nicht heran, aber in ihrer Werktreue gelingt Anne Lenk ein eindrucksvolles Missbrauchsdrama.

„Das Fest“ hatte am 20. Januar 2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin Premiere. Die ersten Vorstellungen im Januar und Februar sind bereits fast ausverkauft. Weitere Informationen und Termine

Bild: Arno Declair

 

 

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