Zehn Gebote

Das Konzept ist vielversprechend: die Regisseurin Jette Steckel bat 15 Künstler (Dramatiker, Filmregisseure, Journalisten, Musiker), sich mit den „Zehn Geboten“ zu befassen. Wenn so unterschiedliche Köpfe wie der Islamwissenschaftler Navid Kermani, der Kurzfilm-Regisseur Jan Soldat, die Romanautorin und Dramatikerin Nino Haratischwili oder „Studio Braun“-Mitglied Rocko Schamoni beteiligt sind, darf man sich berechtigte Hoffnungen auf eine anregende „zeitgenössische Recherche“ (Untertitel der Uraufführung) zu den Themen Glaube, Moral und Alltagskunde machen.

Als die ersten beiden Miniaturen nicht zünden, ist das nicht so schlimm. Benjamin Lillie brabbelt sich im Strampelanzug mit Slapstick durch sein Eröffnungs-Solo von Clemens Meyer zum 1. Gebot („Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir haben“), anschließend schöpfen Lorna Ishema und Natali Seelig das Potenzial einer Verhörszene zum 2. Gebot („Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“). Der zähe Beginn lässt für die kommenden vier Stunden noch viel Luft nach oben. Leider wird es nicht recht viel besser. Der ironische Witz des Auftaktsongs „Immer muss ich alles sollen“ des Ensembles wird nicht mehr erreicht.

Jan Soldat bietet zum 5. Gebot (Du sollst nicht stehlen“) – die einzelnen Gebote werden nun tatsächlich durcheinandergemischt – einen dokumentarischen Kurzfilm über Fetisch-Praktiken, wie er ihn schon mehrfach im Panorama der Berlinale angeboten hat: diesmal geht es um die Phantasie, sich schlachten und fressen zu lassen. Die anonymisierten Gesprächsprotokolle werden von den Schauspielern nachgesprochen und als Video eingespielt. Der kurze Kermani-Monolog „Von der Tugend“ wird von Andreas Pietschmann recht beiläufig gesprochen und ist schnell abgehakt. Felicia Zeller bringt mit „Du sollst nicht lügen“, einer kurzen Ensemble-Choreographie über einen Kaffeehausbesucher und Wartezimmer-Dauergast im Kampf gegen die „Lügenpresse“ etwas Aktualität und Witz in den Abend, der aber sofort wieder verpufft, als sich Dea Lohers „Weine nicht, singe“ allzu hölzern hinzieht.

Auch in der zweiten Hälfte bietet uns Jette Steckel nur einen Gemischtwarenladen aus zusammengewürfelten Texten. Jochen Schmidt setzt sich – wie aus seinen Romanen und Kolumnen gewohnt – mit seinen Eltern und seiner Herkunft aus der DDR auseinander. Den anregendsten Text mit den stärksten Reibungsflächen,“Du sollst nicht begehren Deines nächsten Haus von Mark Terkessidis, der auch im Programmheft abgedruckt ist, veräppeln Wiebke Mollenhauer und Ole Lagerpusch in quietschbunten Kostümen.

Nach 3,5 Stunden ist der Tiefpunkt, aber leider noch nicht das Ende der „Zehn Gebote“ erreicht, als sich Benjamin Lillie und Ole Lagerpusch anschweigen, gegenseitig versichern, dass sie sich nicht langweilen wollen, und sich und das Publikum mit ekligem Zigarettenqualm einnebeln.

Leider ist bei diesem gescheitertem Experiment mit überschaubarem Unterhaltungswert kaum etwas von der Brillanz zu spüren, die Jette Steckels fulminantes Debüt am Deutschen Theater mit „Caligula“ in der Box im Herbst 2008 auszeichnete.

„Zehn Gebote“ wurde am 21. Oktober 2017 im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Weitere Informationen und Termine

Bild: Arno Declair

 

 

 

 

 

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