Kaygi/Inflame

Istanbul zeigt sich in „Kaygi“ (internationaler Titel: „Inflame“) von seiner hässlichsten Seite.

Hauptfigur Hasret (Algi Eke) trottet im Debütfilm der Juristin und Journalistin Ceylan Özgün Özçelik niedergeschlagen an Baustellen und trostlosen Hochhäusern vorbei, wenn sie einen weiteren Arbeitstag in ihrer Redaktion hinter sich gebracht hat. Von ihren Vorgesetzten wird sie nur hin- und hergeschubst, mal eben von der Dokumentar- die News-Abteilung versetzt und von den Kolleginnen angeschnauzt.

Mit weit aufgerissenen Augen stellt Hasret die Einschränkungen der Pressefreiheit in Frage. Eine Vorgesetzte, die alle nur Blondie nennen, macht klare Ansagen, wie die politischen Schlagzeilen auszusehen haben, damit sie der Obrigkeit zu gefallen haben.

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Aber noch etwas anderes macht Hasret zu schaffen: sie fragt sich, ob ihre Eltern, die vor fünfzehn Jahren bei einem Festival aufgetreten sind, wirklich bei einem Unfall ums Leben kamen. Im Abspann wird erklärt, dass dieser Erzählstrang auf einen Anschlag in den 90ern anspielt, der erst vor wenigen Jahren in einem Gerichtsverfahren neu aufgerollt wurde.

„Inflame“ ist ein bedrückender Film in einer düsteren Atmosphäre: triste Farbtöne,  unheilvoll dräuender Klangteppich, verzweifelte Figuren. Er ist aus zwei Gründen auch sehr anstrengend: die vielen Anspielungen der Parabel auf die aktuelle Situation in Erdogans Türkei sind nur schwer zu entschlüsseln. Die Handlung ist so sprunghaft wie die Gedankenfetzen, die durch den Kopf der Hauptfigur Hasret schwirren und sich aus Sicht ihres Freundes Mehmet in eine Paranoia abdriftet.

Mit diesen Einschränkungen ist „Inflame“ ein sehenswerter Film und eine Bereicherung für die Berlinale. Wie sehr Berlin aber im Vergleich zu den beiden anderen A-Festivals in Cannes und Venedig ins Hintertreffen geraten ist, zeigt sich aber auch an diesem Film. „Inflame“ ist ein mutiges Debüt, aber der interessantere und bessere Film über Erdogans gefährlichen Weg in die Präsidialdiktatur war schon 2015 in Venedig zu sehen: „Frenzy“ von Emin Alper (Kritik).

Bilder: Internationale Filmfestspiele Berlin

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