Phädra

Zu Beginn seiner „Phädra“-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin zeigt uns Regisseur Stephan Kimmig, dass er auch ganz anders kann: Seine „Glasmenagerie“ verkam in der zweiten Hälfte zu einer Slapstick-Nummernrevue, bei der Holger Stockhaus als Gast des Hauses sein Comedy-Talent demonstrieren durfte (Kritik). Diesmal lässt Kimmig, bevor die Schauspieler die Bühne betreten, erst mal einen langen, mit Fachbegriffen gespickten Text über „Affekte“ an die Bühnenwand projizieren, der sehr gelehrt Spinoza und Deleuze zitiert.

Auf der weißen Bühne gehört anschließend Corinna Harfouch (ganz in Schwarz als Titelfigur Phädra) und Kathleen Morgeneyer (als ihre Vertraute Oenenoe) die erste Szene. In den zwei Stunden wird dem Publikum einiges an Konzentration abverlangt: Schillers Blank-Verse, mit denen er die Alexandriner-Paarreime von Jean Racines klassischer französischer Tragödie nur näherungsweise nachahmte, sind eine Herausforderung für Ensemble und Publikum.

Phädra

„Im Heute steht dieser Text wie ein Monolith – fremd, tief, gewaltig“, schrieb das Deutsche Theater in seiner Ankündigung zu diesem Abend. Die Figuren wirken mit ihrem Gefühlsleben und ihren Konflikten wie mit einer Zeitmaschine in unsere Gegenwart herübergebeamt, nur der Freizeitlook von Alexander Khuon (als Hippolyt) und Jeremy Mockridge (als Theramen) ist heutig.

Die Hamburger Literaturwissenschafts-Professorin Claudia Benthien zeichnet in ihrem Programmheft-Essay ausführlich nach, wie vernichtend die Schamgefühle in der höfischen Gesellschaft des französischen Absolutismus, von der Racine geprägt ist, wirken konnten. In einer Zeit schamloser (Scripted) Reality-Formate von Dschungelcamp bis Frauentausch und narzisstischer Selbstdarstellung auf den Social Media-Plattformen wirken Phädra und die anderen Figuren, die aus der griechischen Mythologie stammen, sehr fern.

Regisseur Stephan Kimmig macht gar nicht erst den Versuch, die Racine/Schiller-Verse in die Gegenwart zu übersetzen. Er vertraut auf die Überzeugungskraft des Ensembles –  allen voran Corinna Harfouch, die im Lauf des Abends ihre Garderobe von tiefschwarz über blütenweiß zu blutrot wechselt.

Ein Raunen geht durchs Publikum, als Khuon (Hippolyt) seine Bühnenpartnerin Harfouch (Phädra) nach ihrem Liebesgeständnis wegstößt und zu Boden wirft. Sie kracht mit dumpfem Knall auf die Bretter, so dass einige kurz an einen Bühnenunfall glauben. Ansonsten bleibt das Klima im Zuschauerraum wohltemperiert: vorsichtiges, etwas verunsichert wirkendes Glucksen begleitet die fünf Akte, die mit „Chaos“ oder „Tod“ überschrieben sind, uns aber nicht wirklich nahegehen.

Höflicher Applaus für Regieteam und Starensemble nach einem Klassiker-Abend, der einen bemerkenswerten Kontrast zu den Stückentwicklungen, Performance-Experimenten und Loop-Spielereien setzt.

„Phädra“ hatte am 12. Mai 2017 am Deutschen Theater Berlin Premiere. Weitere Informationen und Termine

Bilder: Arno Declair

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