tt 2017: 89/90 aus Leipzig

Zwei Männer sitzen qualmend zusammen, blättern in alten Fotoalben und sinnieren über ihre Jugend. In sich mehrmals wiederholenden Schleifen, wie sie für das Theatertreffen 2017 typisch sind, erinnern sie sich an L., an S., an D. – und wie all die Teeanger heißen, die gemeinsam mit dem Erzähler das wild-anarchische Wendejahr 1989/90 und die Pubertät durchlebten.

Eine Horde von Zombies mit überdimensionalen Puppenköpfen betritt anschließend die Bühne. In der ersten Hälfte findet Claudia Bauer aber noch keinen Rhtythmus für ihre Adaption von Peter Richters Roman „89/90“, die sie als Hausregisseurin des Schauspiels Leipzig inszenierte.

Die Kommunistin L. verkommt bei Bettina Schmidt in schwarz-rot-goldener Hammer- und Sichel-Flagge zur Karikatur. Noch schlimmer erwischt es die Staatsbürgerkundelehrerin, die weiter ihre Marxismus-Leninismus-Phrasen drischt. Bei der Dresdner Uraufführungs-Inszenierung wenige Wochen zuvor waren diese Figuren subtiler gezeichnet. Mit an Herbert Fritsch erinnernde Körper-Akrobatik und Slapstick werden die Längen nur notdürftig kaschiert.

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Als sich die Inszenierung langsam vom müden Vorgeplänkel des Frühjahrs/Sommers 1989 entfernt und dem Herbst der friedlichen Revolution näher kommt, erlebt der Abend seine beste Phase: der Chor übernimmt das Heft das Handelns, mixt betuliches FDJ-Liedgut mit Punk-Parolen und kommentiert das Geschehen. Dazwischen geistert eine überdimensionale Helmut Kohl-Puppe über die Bühne, die Schlagworte und Versatzstücke aus der Rede vor der Dresdner Frauenkirche im Dezember 1989 zitiert. Dieser Auftritt des „Kanzlers der Deutschen Einheit“, der angesichts der jubelnden, Deutschland-Fahnen-schwenkenden Massen den „Mantel der Geschichte“ und eine historische Mission spürte, ist ein Schlüsselmoment der Inszenierung. Es wäre spannend gewesen, wenn Claudia Bauer und ihr Ensemble einen Gedanken, den Roman-Autor, Gag-Schreiber und SZ-Korrespondent Peter Richter im Programmheft äußerte, weiter vertieft hätten. Er schlägt unter der Überschrift „Warum mich diese Herkunft nicht fortlässt“ den Bogen zu Pegida.

Der Theaterabend franst stattdessen aus: ähnlich wie schon die Dresdner Inszenierung verliert er sich in Beschreibungen der Kämpfe zwischen Neonazis auf der einen und Punks/Antifa auf der anderen Seite.

Im direkten Vergleich der beiden sächsischen Inszenierungen schneidet Leipzig schwächer ab. Die Dresdner Spielzeiteröffnung (Kritik) war sowohl unterhaltsamer als auch stringenter. Nicht zuletzt nahm sie auch die Romanfiguren ernster.

„89/90“ hatte am 16. September 2016 in Leipzig Premiere und war am 14./15.. Mai 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Bilder: Rolf Arnold

 

 

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