Einsamkeit und Sex und Mitleid

In Großaufnahme werden zwei Porzellankätzchen mit dem Vorschlaghammer zertrümmert: Mit diesem Bild startet Lars Montag sein Kino-Debüt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ nach Helmut Kraussers gleichnamigem Roman von 2009.

Die erste halbe Stunde startet sehr vielversprechend: mit kurzen, gut getimten Szenen führt er ein ganzes Panoptikum neurotischer Figuren ein. Erstaunlich, welch erlesene Schauspielerriege Montag, der bisher vor allem fürs TV arbeitete und eher zweitklassige „Tatort“-Episoden aus Ludwigshafen und Saarbrücken ablieferte, vor der Kamera versammelte. Der seit „Muxmäuschenstill“ auf skurrile Rollen abonnierten Jan Henrik Stahlberg, die aus Ulrich Seidl-Filmen bekannte Maria Hofstätter, Volksbühnen-Urgestein Bernhard Schütz, die Münchner Theaterschauspielerin Katja Bürkle, die gerade von den Kammerspielen ans Residenztheater wechselt, die vielseitige österreichische Schauspielerin Eva Löbau, die aus populären Formaten wie „Tatort“ und „Ladykracher“ bekannte Friederike Kempter und Frauenschwarm Eugen Bauder sind eine spannende Mischung.

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Es macht Spaß, zuzugucken, wie sich dieses Karussel in Bewegung setzt, immer wieder eine neue Figur mit Macken und Spleens hinzukommt: sie alle eint eine Sehnsucht nach Sex und eine mehr oder minder starke Grundstimmung. Und noch etwas eint die Figuren: sie sind stark überzeichnete Karikaturen. Der alternde Wutbürger, der seinen Frust im Supermarkt rausschreit (Bernhard Schütz), die einsame Künstlerin auf de Suche nach sexuellen, lesbisch angehauchten Experimenten (Katja Bürkle), der Teenager, der in den Fängen einer fundamentalistischen Sekte allein schon beim Gedanken an Sex Schuldgefühle bekommt (Aaron Hilmer), die vegane Esoterikerin, die unter ihrem spröden Mann leidet (Maria Hofstätter) oder der ausländerfeindliche, auf seine Kollegin fixierte Polizist (Jan Henrik Stahlberg) erinnern von fern an reale Vorbilder, die jeder schon mal kennengelernt hat, kommen aber in freier Wildbahn in dieser sarkastisch-zugespitzten Form nicht vor.

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In den knapp zwei Stunden entfalten die beiden Drehbuchautoren Krausser und Montag das Neurosen-Panorama ihrer zappelnden Versuchskanichen. Das Ergebnis polarisiert: Kino-zeit.de feierte „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ als „ziemlich großen Film“, „voll Witz und Pointen, mit dem richtigen Schuss Absurdität, mit der passenden Dosis Grenzüberschreitung, die die Figuren hinüberführt ins Reich von Pein und Peinlichkeit. Er bietet eine prägnante Zeitanalyse mit all den Selbstoptimierern, die von einer Smartwatch ihre Fitness diktieren lassen, mit Silent Partys, bei denen die Leute ganz für sich mit Kopfhörer tanzen, mit den diversen Deals um Sex und Geld, mit Anger Rooms, in denen zahlende Kunden mal so richtig die Sau rauslassen können, indem sie das Ambiente, das sie mit Hass erfüllt, zertrümmern.“ Das ist präzise beschrieben und gut begründet, aber leider trifft auch die FAZ mit ihrer Kritik einige wunde Punkte. Sie bemängelte, dass „die Handlungsfäden nirgendwo zusammenlaufen“. Der Episodenfilm läuft Gefahr, dass er „weder ein Ganzes noch ein Nichtganzes ist, sondern ein Zwischending, halb Jüngstes Gericht, halb Sketchparade, ein Kinomuskelspiel, das keine Geduld mit seinen Zuschauern hat und keine Gnade für seine Figuren.“

Auf jeden Fall hat mit Lars Montag ein nicht mehr ganz junger Regisseur sein Kinodebüt gegeben, der frischen Wind in die deutsche, oft zu beschauliche Filmlandschaft bringt und über dessen sarkastische Tragikomödie sich trefflich streiten lässt. Kein sanft hinplätschernder Film, sondern bissige Miniaturen, mit einer flüsternden, raunenden Erzählerstimme, die sich manchmal als Überleitung einmischt, wenn wieder mal eine Figur in einer emotionalen Sackgasse gelandet ist.

„Einsamkeit und Sex und Mitleid“ startete am 4. Mai 2017 in den Kinos.

Bilder: x-verleih

 

 

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