Kartonage

Wiener Marillenmarmelade-Massaker zum Abschluss der Autorentheatertage

Kryptische Zeilen werden auf die Videoleinwand projiziert, anschließend flimmern Szenen mit zwei jungen Frauen über die Leinwand. Ziellos wirkt dieser Beginn.

Harter Schnitt, grelles Licht geht an: wir lernen ein langsam alterndes Ehepaar kennen. Sie haben es sich mit blauen, leicht abwaschbaren Kitteln in einem braunen Karton bequem gemacht. Herr Werner (Bernd Birkhahn) ist der Patriarch: mit voyeuristischer Neugier schlurft er zum Familienwappen, hinter dem sich ein Guckloch befindet, und beobachtet die Nachbarn. Dies ist sein einziger Kontakt zur Außenwelt, die ihm ansonsten nur Angst macht. Er begnügt sich lieber damit, seine Frau (Petra Morzé) zu begrapschen, die er nur als Anhängsel sieht, das ihm sexuell verfügbar zu sein hat, und die er konsequent „Werner Zwei“ nennt. Sie lässt es mit süß-saurem Lächeln über sich ergehen und konzentriert sich ganz auf das Einkochen ihrer Marillenmarmelade.

Dieses Szenario eines Paares, das in seltsamer Abhängigkeit in einer Kartonage vor sich hinvegetiert, könnte von Samuel Beckett stammen, wenn er den Fritzl-Fall in Amstetten noch erlebt hätte.

Als die blutverschmierte Tochter nach jahrelanger Abwesenheit auftaucht, entwickelt sich eine groteske Familientragödie, die im finalen Marillenmarmelade-Massaker der furios aufspielenden Petra Morzé endet. Franz-Xaver Mayr gelang zum Abschluss der Autorentheatertage des Deutschen Theaters in Co-Produktion mit dem Wiener Burgtheater eine überzeugende Uraufführung von Yade Yasemin Önders kleinem, bösem Emanzipationsdrama.

Bild: Reinhard Werner

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