Die Verführten

Sofia Coppolas Südstaaten-Kammerspiel über sieben Frauen und einen Mann

Am besten schaut man sich Sofia Coppolas neuen Film „Die Verführten“ im Doppelpack mit Don Siegels „Betrogen“ (1971) an. Wie so oft gehen bei den deutschen Verleihtiteln wieder entscheidende Nuancen verloren: im Original heißen beide Filme ebenso wie die Roman-Vorlage (1966) von Thomas Cullinan „The Beguiled“. Das mehrdeutig Schillernde dieses Wortes gehen bei der Übersetzung verloren.

Obwohl beide Filme auf derselben Vorlage basieren, könnten sie kaum unterschiedlicher sein: Siegels Thriller war ganz auf Clint Eastwood in einer für sein Frühwerk typischen harten Macho-Rollen zugeschnitten. Sofia Copolla rückte die Frauen in den Mittelpunkt. Im Mädchenpensionat, das von Martha Farnsworth (Nicole Kidman) während des amerikanischen Bürgerkriegs in einer Südstaaten-Villa geleitet wird, sind Gebete, Sittlichkeit und Keuschheit oberstes Gebot. In einer Mischung aus „Mutterglucke und Eiskönigin“ (Gunda Bartels im Tagesspiegel) herrscht sie über die starbesetzte Schar ihrer Zöglinge: als Lehrerin Edwina assistiert ihr Kirsten Dunst, die älteste Schülerin Alicia wird von Elle Fanning gespielt.

The Beguiled

In diese Welt klarer Grundsätze und hochgeschlossener Blusen bricht plötzlich Colin Farrell ein, er spielt den irischen Söldner John McBurney, einen verletzten Corporal der feindlichen Armee aus dem Norden, den eines der Mädchen beim Pilzesammeln findet und ins Mädchenpensionat mitbringt. Die Töchter der Sklavenhalter-Aristokratie balgen sich nun „um die Aufmerksamkeit des Verwundeten wie Hunde um einen Knochen“, wie die Tagesspiegel-Kritikerin treffend schrieb.

Sofia Coppolas Film „Die Verführten“ lebt von der genauen Beobachtung dieser aufkeimenden Rivalität der Frauengemeinschaft. Das Kammerspiel hat zwar kaum Spannungsmomente, wird aber atmosphärisch vom Indie-Pop-Klangteppich der Band Phoenix von Coppolas Mann Thomas Mars getragen, der sich von Monteverdis „Magnificat“ inspirieren ließ. Der französische Kameramann Philippe Le Sourd, der zuletzt mit Wong Kar-Wai bei „The Grandmaster“ (Berlinale-Eröffnungsfilm 2013) zusammenarbeitete, setzt den Garten und die Gänge der Südstaaten-Villa mit langen Kamerafahrten in Szene.

An ihr Meisterwerk „Virgin Suicides“ (1999) reichen „Die Verführten“ nicht heran, aber ihr neuer Film ist durchaus sehenswert und stärker als „Marie Antoinette“ (2006) und „The Bling Ring“ (2013).

„Die Verführten“ hatte am 24. Mai 2017 in Cannes Weltpremiere, Sofia Coppola bekam dort eine Silberne Palme für die Beste Regie. Am 29. Juni 2017 startete der Film in den deutschen Kinos

Bilder: © 2017 Focus Features LLC.

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