Happy End

Es zeugt schon von sehr sarkastischem Humor, einen Film über Todessehnsucht und verschiedene Arten, sich das Leben zu nehmen, ausgerechnet „Happy End“ zu nennen. Symptomatisch ist schon die erste Szene: Die kleine Eve mischt ihrem Hamster die Reste der Überdosis an Tabletten, mit der ihre Mutter Suizid begangen hat, ins Futter. Als er sich am Käfiggitter festkrallt und reglos erstarrt, wischt sie den Kadaver mit dem Besen weg und kommentiert lakonisch: „Scheint zu wirken“.

Die Figuren in Michael Hanekes bewohnen eine großbürgerliche Villa in Calais und zeichnen sich durch Eiseskälte und Bösartigkeit aus. Wer könnte die Bauunternehmerin Anne Laurent besser verkörpern als die große Isabelle Huppert?

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Auf Hanekes Seziertisch wird aber auch in jeder Szene deutlich – und diesmal fast zu plakativ überdeutlich -, wie verloren und verzweifelt die Menschen sind. Den Überdruss und Weltekel verkörpert in diesem Film vor allem Jean-Louis Trintignant, der das französische Kino über so viele Jahrzehnte prägte und hier den Großvater Georges Laurent spielt, der von der Firmenerbin längst an den Rand gedrängt wurde und seinen Freitod wie einen Unfall aussehen lassen möchte.

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Die sympathischste Figur ist Franz Rogowski, der durch „Love Steaks“ und „Victoria“ aufgefallen ist und in Lilienthals Münchner Kammerspiele-Ensemble auf der Bühne steht. Er spielt den jungen Rebellen Pierre Laurent, der sich vergeblich gegen die Konventionen der Bourgeoisie auflehnt.

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Gerade Rogowskis Rolle ist ein Beispiel dafür, woran dieser neue Film des herausragenden österreichischen Regisseurs krankt: Dass diese Figur eine Familienfeier stört, indem er junge Flüchtlinge aus dem „Dschungel von Calais“ mitbringt, der für viele Schlagzeilen sorgte, ist zu platt für einen Autorenfilmer dieses Ranges. Über weite Strecken lässt „Happy End“ die Eleganz vermissen, die viele seine früheren Filme, vor allem sein Meisterwerk „Funny Games“, auszeichnete und ihn zum Stammgast beim Festival in Cannes werden ließ.

Deshalb ist es eine sehr gut vertretbare Entscheidung, dass die Festival-Jury Haneke, der an der Croisette schon 2x die Goldene Palme gewann und vor dem Festival als einer der Favoriten gehandelt wurde, diesmal leer ausgehen ließ. Ekkehard Knörer wirft dem Regisseur in seiner Rezension „Der Herr Sadist hat angerichtet“ auf SPIEGEL Online zurecht vor, dass er es sich allzu einfach machte: „Michael Haneke erfindet sich erneut sehr bequem Figuren und eine Welt, die er genüsslich vorführen kann, ohne sich mit real existierenden Wirklichkeiten die Finger schmutzig machen zu müssen.“

Aber auch wenn es einer seiner schwächeren Filme ist, ist „Happy End“ als sarkastisches Porträt einer „Abgrundgemeinschaft“ (Thomas Assheuer in der ZEIT) der Lebensmüden und Verzweifelten immer noch sehenswert. Es ist schon raffiniert, wie er in den letzten Minuten des Films mit den Erwartungen des Publikums spielt.

Bilder: © HAPPY END_X Verleih AG

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