Die Frau, die gegen Türen rannte

Da der „Blechtrommel“-Monolog kurzfristig wegen Krankheit abgesagt werden musste, sprang Bettina Hoppe mit „Die Frau, die gegen Türen rannte“, der Lebensbeichte einer Alkoholikerin, kurzfristig ein.

Auf der großen Bühne des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm wirkt dieses Kammerspiel recht verloren, das ansonsten nebenan im wesentlich intimeren und schmuckloseren Kleinen Haus gespielt wird. Die Ornamente dieser traditionsreichen Bühne passen nicht so recht zu den Bekenntnissen der Frau aus prekären Verhältnissen, die nie eine Chance hatte, jetzt aber nach dem Tod ihres Mannes alle Kraft zusammennimmt, um vielleicht doch noch einen Neuanfang zu schaffen.

Der Stoff ist nicht neu: Der irische Schriftsteller Roddy Doyle erfand die Figur der Paula Spencer für das Drehbuch der BBC-Serie „Family“, die in der Regie von Michael Winterbottom 1994 für heftige Diskussionen im konservativen Irland sorgte und – wie im Programmheft zu lesen ist – auch die Debatte über das Scheidungsrecht anheizte. 1997 machte Doyle seine Paula Spencer zur Hauptfigur seines Romans „Die Frau, die gegen die Türen rannte“, 2003 schrieb er eine Theaterfassung für die Bühne. Auch die Inszenierung ist nicht neu: Oliver Reese richtete den nur einstündigen Abend bereits im Oktober 2010 für die Frankfurter Kammerspiele ein und brachte sie nun an seine neue Wirkungsstätte als Intendant des Berliner Ensembles mit.

Die Frau, die gegen Türen rannte/Berliner Ensemble

Bettina Hoppe spielt die Paula Spencer im 80er Jahre-Trash-Look und lässt das Publikum daran teilhaben, wie aus der abgekämpften Alkoholikerin eine selbstbewusste Frau wird, die zum ersten Mal nicht alles hinnimmt, sondern über ihren Platz in der Gesellschaft nachdenkt. Nach dem Tod ihres Mannes, der bei einem Raubmord auf der Flucht vor der Polizei erschossen wurde, muss sie ihre vier Kinder mit Putzjobs durchbringen.

Die Figur definiert sich vor allem über die Musik: sehr gerne erinnert sie sich an Popsongs der 60er und 70er Jahre z.B. von „The Rubettes“ und Barry Ryan, die mehrfach kurz angespielt werden. Eine Reminsiszenz an ihre Jugend und an das Kennenlernen mit dem Macho Charlo, der sie in einem Club ansprach. An die 80er Jahre erinnert sie sich nur diffus: Düstere Jahre, die sie in der Wohnung bei den Kindern verbrachte. Ihr Mann schlug sie grün und blau. Wenn sie sich doch mal vor die Tür wagte, musste sie lügen, dass sie gegen die Schlafzimmertür gerannt sei. Erst in der letzten Szene, die in den 90ern spielt, tanzt sie sich frei: noch sichtlich unsicher, aber neuer Lebensmut wird spürbar.

Der Makel dieses Solo-Abends ist, dass Bettina Hoppe ihn ganz allein tragen muss. Sie leistet Beachtliches, aber der Stoff würde noch wesentlich eindrucksvoller und berührender wirken, wenn sie auch einen Gegenpart auf der Bühne hätte, wie es in der BBC-Serie angelegt war, aus der dieser Monolog entwickelt wurde,

Bilder: Birgit Hupfeld

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One thought on “Die Frau, die gegen Türen rannte

  1. „Dir Frau die gegen Türen rannte“ habe ich letztes Jahr mal in Hildesheim gesehen. Ich fand es ganz schrecklich, zu viele Klischees. Ein eher anstrengender Abend. Aber das mag auch an der Inszenierung und dem Theater gelegen haben. Der Abend im Berliner Ensemble hört sich aber auch nicht ganz so überzeugend an. Liebe Grüße.

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