Lenin

Wie in Zeitlupe kreist die Drehbühne an diesem Abend, der gefühlt viel länger als die realen zwei Stunden dauert.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau, der seine Protagonisten oft an ihre Schmerzgrenzen treibt – man denke nur an die belgischen Kinder, die in „Five easy pieces“ (Kritik) zur Auseinandersetzung mit dem pädophilen Serienmörder Marc Dutroux gezwungen wurden -, entschied sich diesmal für einen „Extremnaturalismus“, wie er es im Programmheft-Interview nannte.

Die Gespräche werden in Großaufnahme live auf die Videowand über der Drehbühne übertragen, jede Regung überdeutlich ausgestellt: jede hochgezogene Augenbraue, jedes höhnische Grinsen von Stalin (Damir Avdic), jeder leidende Blick der Krupskaja (TV-Star Nina Kunzendorf in einer Gastrolle als Lenins Frau) und vor allem jedes Zittern und Sabbern von Ursina Lardi als Lenin, der 1924 an den Folgen eines Attentats und mehreren Schlaganfällen starb. Die einzige Brechung dieses naturalistischen Konzepts ist, dass sich Ursina Lardi erst langsam von der blonden, ein gängiges Schönheitsideal verkörpernden Frau in den todkranken Greis mit der charakteristischen Halbglatze und dem Spitzbart verwandelt.

Der „Lenin“-Abend im großen Saal A der Berliner Schaubühne nimmt uns mit in einen Tag im Herbst des Jahres 1923: Lenin war bereits zur Ikone erstarrt und dämmerte schwerkrank auf seiner Datscha seinem Ende entgegen. Stalin kämpfte gegen Trotzki und sorgte dafür, dass Lenin praktisch von der Außenwelt abgeschnitten wurde: die Telefonleitung wurde gekappt, Sitzungsprotokolle aus Moskau wurden ihm vorenthalten. Reale Vorgänge werden zugespitzt und auf einen Tag verdichtet.

Mit Kostümen im Stil der vorigen Jahrhundertwende und mit Auszügen aus Originaldokumenten fühlen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bei diesem Renactment in die Figuren auf der Datscha des dahinsiechenden Anführers der bolschewistischen Oktoberrevolution ein.

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Rau ging es darum, die Datscha als „albtraumhaftes Haus“ zu inszenieren, in der ein „quasi-gelähmter“ Körper im Halbdunkel versinkt, während sich ein „Monster“ seines Lebenswerks bemächtigt. Den zweiten Teil spielt Damir Avdic, ein noch recht neues Gesicht im Schaubühnen-Ensemble, exzellent. Im Frühjahr wurde er als „Toter Hund in der chemischen Reinigung“ in einer unausgegorenen Farce von Angélica Liddell verheizt (Kritik), diesmal überzeugt er als zynisch grinsender, Kinder gütig streichelnder, eiskalt berechnender Strippenzieher.

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Der erste Teil funktioniert nur mit Einschränkungen: wie schon in ihrer letzten Zusammenarbeit mit Milo Rau („Mitleid. Geschichte eines Maschinengewehrs„) überzieht Ursina Lardi wieder maßlos. Entstellt kauert sie im Schlussbild neben Nina Kunzendorf. Der Speichel rinnt ihr über die Wange. Seufzend beklagen beide das Schicksal ihrer Kinderlosigkeit. Die Szene droht in der Karikatur zu versinken. Zum Glück versteht es Milo Rau, die Balance zu wahren. Er spielt das wunderschöne „Who by fire“ von Leonard Cohen, das den Abend in einer Tschechowschen Melancholie ausklingen lässt, die für manche Langatmigkeit entschädigt.

„Lenin“ ist ein ambititonierter Abend, der zwischendurch ein paar Mal zu oft neuen Schwung holen muss, wenn die gemächlich vor sich hin rotierende Drehbühne zum Stillstand zu kommen droht. Starke Dialogszenen in der Konfrontation zwischen Stalin/Lenin und Stalin/Trotzki wechseln mit Momenten peinlicher Ratlosigkeit des Regisseurs, als ihm zum Beispiel nichts weiter einfiel, als Felix Römer (als Trotzki und kommentierender Erzähler) wortlos und wie bestellt, aber nicht abgeholt qualmend in seiner Ecke der Bühne stehen ließ.

Bilder: Thomas Aurin

 

 

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